12.
2023
Ein spezielles Walliser-Duell
Luca Ritz arbeitet für den UHC Thun, wo Mathias Juon im Tor steht, aber spielt für Fribourg. Vor den Festtagen stieg das spezielle Direktduell in der Nationalliga B, ohne echten Verlierer. Eine Reportage von einem stimmungsvollen Abend.
Volles Haus, lautstarke Anfeuerungen, pompöse Einlaufmusik mit Lichteffekten, hohe Intensität, zehn Tore und ein sicher geglaubter Sieger, der im Schlussdrittel noch aufpassen musste, nicht eingeholt zu werden. Was die 637 Zuschauer - ausserordentlich viel für die Nationalliga B - am Donnerstagabend vor Weihnachten beim Spiel zwischen dem UHC Thun und Floorball Fribourg für ein bescheidenes Eintrittsgeld zu sehen bekamen, war erste Sahne.
Natürlich war der Match nicht einfach so eine 08/15-Paarung, sondern ein Duell zweier Mannschaften, die nach einem Aufstieg in die Nationalliga A schielen. Heimklub Thun stieg im April 2022 aus der höchsten Liga ab und will früher oder später - lieber früher - wieder nach oben. Gastklub Fribourg stieg 2017 in die Nationalliga B auf, hat sich dort etabliert und träumt nun von einem nächsten Schritt in der Entwicklung. Der Aufmarsch des zahlreichen Publikums von Jung bis Alt an jenem 21. Dezember ist gross, weil Thun den Abend und das Spiel als «Christmas Classic» organisiert hat. Mit kleinem Festzelt, Tombola, frischen Waffeln und besonderen Trikots. Aber auch, weil Thun und Fribourg in der Vorsaison eine Playoff-Halbfinalserie (Best of 5) boten, die unvergessen ist. Fünf Spiele, 59 Tore zwischen Spannung und Dramatik. Floorball führte mit 2:0 Siegen, Thun gelang die Wende, zog in den Final ein, ohne aber den Wiederaufstieg zu schaffen. Luca Ritz (23) aus Brig-Glis hat sie miterlebt, als Spieler von Floorball Fribourg, zeitgleich aber auch als Leiter der Geschäftsstelle des UHC Thun.
Ritz sagte in jenen Tagen in unserer Zeitung: «Die Playoffs ausgerechnet gegen meinen eigenen Arbeitgeber zu spielen, war sehr speziell. In Sachen Spannung war es kaum auszuhalten.» Ein paar Monate später, Ende 2023, hat sich in Ritz' Thuner Pflichtenheft mit einem Arbeitspensum von rund 30 Prozent nicht viel verändert. Themen wie Saisonplanung, Helferwesen, Webseite, allgemeine Korrespondenz und ein Teil der Finanzen liegen in seiner Kompetenz. Er ist Trainer im Regionalen Leistungszentrum (RLZ), unterrichtet dort dienstags und mittwochs Talente aus der Umgebung und natürlich Thun-eigene Spieler. Die Idee einer «Christmas Classic» geht auf Ritz zurück, inspiriert aus den USA. Wo sonst. Der ehemalige Junior der Visper Lions und des UHC Thun gab im Covid-19-Jahr 2020/21 seinen Einstand in der Nationalliga A, zwei Einsätze für die Berner Oberländer. Seit Sommer 2021 spielt der heute 23-Jährige für Fribourg, an der dortigen Uni studiert er für den künftigen Sekundarlehrer. Seither trägt er zwei Unihockeyfarben in seinem Herzen und kann sie gut trennen, wenn es wieder einmal darum geht, gegen «sein» Thun zu spielen. Wie in diesen Tagen kurz vor Weihnachten.
Das Besondere dabei ist, Luca Ritz ist definitiv nicht mehr einziger Oberwalliser auf dem Feld und damit in der Nationalliga B. Beim UHC Thun ist der erst 19-jährige Mathias Juon neuer Stammgoalie. In Brig-Glis geboren und aufgewachsen, wohnhaft in Törbel und im vierten Jahr des Kollegiums (Sportschule) Brig. Auch Juon ist ein Produkt der Thuner Nachwuchsarbeit und auf dem Weg in die Spitze des Schweizer Unihockeys. Vor ein paar Monaten zeigte Juon sein Talent noch vornehmlich bei den U21-Junioren, jetzt ist der junge Grossgewachsene (1,90 Meter) nahe dran im Konzert der Grossen. Er hat Länderspiele mit der Schweizer U19-Nationalmannschaft hinter sich. Ritz trainiert Juon im Rahmen der RLZ-Trainings, man kennt und mag sich, die Wege sind seit Jahren dieselben. Aber an diesem Abend sind sie Gegner, Ritz als cleverer Stürmer von Fribourg, Juon als Keeper der Thuner. Es ist eine spezielle Affiche, nicht nur wegen der gut gefüllten und stimmungsvollen Thuner Unihockeyhalle. Juon gegen Ritz, Ritz gegen Juon - das sorgt bei beiden für Kitzel.
Als wäre die Ambiance mit den weit über 600 Gästen in der Halle nicht schon kribbelig genug. Bevor um 19.45 Uhr das Spiel lanciert wird, wissen Thuner wie Fribourger, dass sie in der Tabelle «nur» Verfolger von Leader Ad Astra Obwalden sind. Gewinnt Thun, sind Juon und Co. punktgleich mit Obwalden und könnten den Vorsprung auf Floorball ausbauen. Siegt Fribourg, wären Ritz und Co. mit den Thunern gleichauf. Es steht sieben Runden vor Schluss der Qualifikation so einiges auf dem Spiel. Im Hinterkopf natürlich die Playoffs. «Der Heimvorteil ist unser Ziel. Weil man aber als Vierter den Gegner nicht mehr auswählen kann, sondern nehmen muss, was bleibt, wollen wir am liebsten unter die ersten drei», so Spieler Luca Ritz. «Das wird eine Art Test für die Playoffs vor einer schönen Kulisse», sagt Mathias Juon. Womit diesem besonderen Spiel und Oberwalliser Duell nichts mehr im Wege steht.
Nach vier Minuten fallen schon drei Tore, das Publikum kommt sofort auf seine Kosten. Thun legt vor, aber innerhalb von nur fünf Sekunden (!) dreht Fribourg das Zwischenresultat, 2:1 für die Gäste. Luca Ritz erwischt beim zweiten Floorball-Tor Mathias Juon eiskalt. «Ein wichtiger Doppelschlag für uns, wir zogen das Momentum fortan auf unsere Seite», analysiert der Stürmer. «Im ersten Drittel haben eigentlich wir das Spiel gemacht, aber so richtig dumme Gegentore erhalten», so die richtige Sichtweise des jungen Torhüters Juon. Auch ihn trifft eine Mitschuld. Ritz' Floorball-Equipe erhöht zum Ende des Startdrittels noch auf 3:1, hier tritt der Briger als Vorlagengeber auf. Auch er profitierte davon, dass sich das nominell etwas stärkere Thun zu Beginn der Partie gar leicht auskontern liess, und das nicht nur einmal.
Im zweiten Drittel schiesst Ritz am zweiten Pfosten noch ein Tor, nach 32 Minuten führt Fribourg bereits 6:1. In den Augen Juons ist Ritz' Position in jener Szene kein Zufall. «Er steht immer am richtigen Ort und hat den Riecher. Luca hat die Qualität, aus jeder Aktion etwas Gefährliches zu kreieren.» Juon sagt später, es störe ihn nicht sonderlich, wenn ausgerechnet sein RLZ-Trainer, Gegenspieler und UHC-Thun-Büroleiter Ritz gegen ihn treffe, «sondern die Art und Weise, wie man ein Tor kassiert, egal von wem». Fribourg-Stürmer Ritz hält sich nach seinem erneuten Treffer nicht zurück, mindestens die Faust gen Hallendecke zu strecken und mit seinen Kollegen abzuklatschen, aber dann ist auch gut so und weiter geht es.
«Weiter gehen» heisst in diesem Match, dass sich die Luft ändert und auch fünf Tore Vorsprung
keine Garantie für einen Vollerfolg sind. Goalie Juon steigert sich von Minute zu Minute und als Thun nach 41 Minuten auf 4:6 verkürzt, ist das Verfolgerduell offener denn je. Die UHC-Junioren auf den Tribünen pushen ihr Fanionteam mit Trommeln und Sprechchören. «Es ist uns in Vergangenheit mehrmals widerfahren, dass wir Vorsprünge noch aus der Hand gegeben haben. In dieser Saison aber sind wir gefestigter, die gute Teamstimmung hilft uns. Jeder kämpft für jeden», lobt Ritz seine Farben. Ein 5:6 oder ein 4:7 - in jenen Schlussminuten ist alles möglich. Im Tor macht Mathias Juon trotz elektrisierendem Umfeld stets eine ruhige Figur, aber versucht das Spiel schnell zu machen, und auf der anderen Seite gehört Stürmer Ritz wie selbstverständlich zu den ersten Verteidigern. «Fribourg spielt für mich als Goalie ein mühsames Unihockey. Sie spekulieren stark auf Abpraller und bearbeiten den Slot, so kamen sie auch zu ihren Toren.»
Es bleibt beim 4:6. Juon und der UHC Thun müssen den Konkurrenten aus Fribourg gleichziehen lassen. Ritz erhält anerkennenden Applaus, als er zum «Best-Player» der Gäste gekürt wird. Fast schon kitschig, aber folgerichtig nach seinen drei Skorerpunkten gegen seinen Teilzeit-Arbeitgeber. Der 23-Jährige hat seine kurzzeitige Baisse in dieser Qualifikation hinter sich gelassen. «Es lief für mich fast zu gut mit 15 oder 16 Spielen in Serie, in denen ich immer gepunktet habe. Zuletzt war Pech dabei, heute bin ich als Stürmer wieder glücklich.» Ritz sagt, er finde seine Rolle im Floorball-System cool, die besten Gegenspieler so gut es gehe zu neutralisieren und selbst Nadelstiche zu setzen. Der UHC Thun hat dies drei Tage vor Heiligabend schmerzhaft zu spüren bekommen.
Mathias Juon hält sich nach der Schlusssirene nicht allzulange mit der Niederlage auf. Seine gesamtheitliche Entwicklung steht ohne Zweifel über dem Resultat einer einzigen Partie ohne entscheidenden Charakter. «Das konstant hohe Niveau im Training und im Match macht mich in der Nationalliga B in kleinen Schritten zu einem besseren Torhüter.» Auch andere Beobachter attestieren ihm, in der neuen Liga angekommen zu sein. Für die Schweizer U19-Nati ist er mittlerweile zu alt, bei der U23-Nati war er an zwei Camps dabei, mehr aber nicht. Noch nicht. «Die Konkurrenz ist gross. Die anderen Goalies sind etwas älter als ich und bereits in der Nationalliga A. Ich bin aber mit meinen 19 Jahren froh, zumindest ein Thema und gut aufgestellt zu sein.»
Luca Ritz weiss nach dem 6:4-Sieg, der Stürmer in ihm hat gewonnen, der Manager in ihm hat verloren. Er erinnert sich an einen von ihm organisierten Klubabend des UHC Thun ein paar Wochen vor dem Match gegen Fribourg. «Am Ende des Klubabends führte ich noch Interviews mit meinen Thuner Spielern durch. Ich sagte ihnen: Im Büro gebe ich alles für euch, damit wir als UHC aufsteigen können. Auf dem Feld aber tue ich mit Fribourg alles, um euren Aufstieg wiederum zu verhindern.» In solchen Momenten hat Luca Ritz ein paar Augenzwinkern, Schulterklopfen und das Gelächter auf sicher. Für «seinen» Thun-Goalie Mathias Juon hält er noch ein paar Worte bereit. «Die Oberwalliser Fraktion in der NLB wächst dank ihm, und ein paar andere Talente aus unserem Kantonsteil stehen in der Warteschlange, das macht auch mir grossen Spass. Mathias entwickelt sich positiv, das sehe ich in jedem RLZ-Training mit ihm. Ich sehe bei ihm später durchaus die Möglichkeit auf einen Platz in der Spitzensport-RS, was ihm mittelfristig die Chance zu Unihockey als Teilzeitjob eröffnen könnte.»
Als sich die Thuner Halle spät abends leert und Ritz/Juon sich ein letztes Mal abklatschen, bleibt der Eindruck, dass hier der Unihockeysport als Ganzes gewonnen hat. Dank dem gezeigten Niveau, dem hohen Unterhaltungswert, der Stimmung und dem Fairplay. Im Vergleich dazu müssten sich Profis und Amateure aus dem Fussball fast schon in Grund und Boden schämen, wie sie mit Schiedsrichtern und Gegenspielern umgehen, wie viel Energie sie in Diskussionen und Theatralik stecken.
Quelle: "Walliser Bote"