05.
2020
Abrupt. Unvollendet. Lautlos.
Ein allerletzter Traum war da, dann nahm die Corona-Krise ihren Lauf. Sie beendete eine in der Schweiz besondere Unihockey-Karriere abrupt, unvollendet, lautlos.
Es gibt sie noch, diese Athletinnen oder Athleten, die sich in jungen Jahren für eine Sportart und einen Verein entscheiden. Und dann treu bleiben, für immer. Ohne Unterbruch.
So ein Unikat ist Lena Cina, heute 28-jährig. Tochter eines Salgeschers und einer Luzernerin, geboren und aufgewachsen aber im Solothurnischen. Sie auf dem Unihockeyfeld in anderen Farben als Gelb und Schwarz zu sehen, wurde nie Realität. Es sind die Couleurs ihres «ewigen» Klubs Bern Burgdorf Wizards. 2004 trat sie als damals Zwölfjährige den WizardsJunioren bei, 16 Jahre später ist Schluss. Aber nicht so, wie Cina es gewollt hätte. Und verdient hätte.
Das ungute Gefühl am Morgen des 12. März
Die 28-jährige Oberwallis-Solothurnerin und die Wizards hatten Anfang März nach drei überdeutlichen Siegen gegen Zug die Playoff-Halbfinals in der Nationalliga A erreicht. Im Hinblick auf die zu erwartende Serie hatten Cina und Co. für den 12. März ein Testspiel vereinbart, auch wenn die Coronavirus-Alarmglocken immer lauter wurden. «Ich hatte an jenem Tag schon frühmorgens ein ungutes Gefühl, dass die Meisterschaft wohl abgebrochen würde», so Cina.
«Wird das heute Abend mein letztes Training überhaupt?» Eine fatale Frage in ihrem Inneren, eine drohende Kulisse. Ihr Gefühl täuschte sie nicht. Gegen Abend in der Halle eingetroffen, machte sich die Hiobsbotschaft des Verbandes breit. Saisonende, Karriereende. Alles abrupt, ein Horrorfilm in wenigen Minuten. Noch in der Halle durchlebte Cina Emotionen, sie wurde durchgeschüttelt. «Einfach und nur noch zum ‘Gränne', es wurde deprimierend. Ich hätte mir schon etwas anderes gewünscht», erinnert sich Lena Cina zurück.
Der Superfinal um den Meistertitel hätte es werden sollen. Für diesen hätten die Wizards noch die Playoff-Halbfinals überstehen müssen. Cina fragt sich allerdings auch, ob es ohne Coronavirus und mit weiterlaufender Meisterschaft angenehmer gewesen wäre, beispielsweise in jenem Halbfinal auszuscheiden. Die Flügelspielerin ist hin- und hergerissen, die Fragen sind hypothetisch.
Eines aber war unangetastet. Ihr Entscheid, nach über einem Jahrzehnt im Schweizer Spitzen-Unihockey den Schlussstrich zu ziehen. Cina verneint zwar nicht, ganz grob mit dem Gedanken «So kannst du doch nicht aufhören, mach noch eine Saison weiter» gespielt zu haben. Aber Verstand (und Herz) waren stärker. «Ein Rücktrittsentscheid fällt nicht über Nacht, das ist in der Regel ein längerer Prozess.»
Sie investierte viel in das Unihockey, liess dafür dies und das links liegen. Doch bei aller Liebe und Hingabe spürte sie auch eine aufkommende Müdigkeit. «Das hat es sicher nicht einfacher gemacht», sagt Cina, die stets versuchte, auch das Leben ausserhalb des Unihockeys zu pflegen. Ein steter Kampf der Argumente, ein steter Kampf auch mit sich selbst.
93 Tore und 72 Vorlagen in 219 NLA-Spielen
Die einstige Verteidigerin Cina hat eine Transformation von der Abwehrzur Flügelspielerin hinter sich. Bis 2017 agierte sie hinten, ab dann vorne. Die numerische Konsequenz in den Statistiken war augenfällig. Waren es zuvor in acht Saisons «nur» 30 Tore, kamen zuletzt in zwei Saisons plus einer unvollendeten Spielzeit 63 Treffer dazu. Gepaart mit 72 Vorlagen beendete Lena Cina bei 165 Skorerpunkten ihre Laufbahn. Ein guter Wert, mehr aber auch nicht.
Für einen Spitzenwert hingegen steht sie bei der Klubtreue, die in anderen Sportarten teils mit Füssen getreten wird. 16 Jahre derselbe Verein, das Aufsteigen von der kleinen Juniorin zur Identifikationsfigur des Berner Klubs. Wo Cina, da die Wizards. Kein Blatt passte dazwischen, auch wenn in all den Jahren die Möglichkeit eines Luftwechsels nicht ganz abwegig war. Aber Cina blieb, immer. Einen Meistertitel feierte sie nie, «etwas herauspicken aus all den Jahren ist schwierig. Mein letzter Eindruck, der aber bleibt, ist mein letztes Training am 12. März». Da ist es wieder, dieses Abrupte, dieses Plötzliche, das einen Lebensabschnitt beendete.
Cina und die Schweizer Nati es war zuletzt lauwarm
An der Vereinsspielerin Cina gab es in Burgdorf keinen Weg vorbei. Etwas anders die Gefühlswelt in der Nationalmannschaft, wo es die 28-Jährige immerhin auf sieben U19- und 33 A-Länderspiele mit der Schweiz brachte. Sie schaffte es auf zwei WM-Teilnahmen (2015 in Finnland und 2017 in der Slowakei) und dort auf ebenso viele Bronzemedaillen.
Beachtlich für Cina, für die mit ihrem Positionswechsel im Klub aber die Probleme begannen. «Ich war und blieb in der Nati immer die Verteidigerin. Die gewünschte Spielpräsenz hatte ich leider nicht», so Cina über ihre unklaren Perspektiven in der A-Auswahl. Wie ein Abrutschen zwischen Stuhl und Bank, und das ausgerechnet im Hinblick auf die Heim-Weltmeisterschaft 2019 in Neuenburg. «Umso schwerer und härter war mein Entscheid, ab 2018 nicht mehr Nationalspielerin zu sein. So ein Event sollte eigentlich ein enormer Ansporn sein.» Sie war nicht mehr bereit, das Feuer nicht mehr genug gross, WM vor den eigenen Fans hin oder her. Dort, wo die Schweiz hinter Schweden Silber gewann.
Sie hat in den letzten Wochen aus ihrem Umfeld verschiedentlich gehört, sie könne doch mit 28 Jahren jetzt nicht mit NLA-Unihockey aufhören. «Für mich ist das nie eine Frage des Alters. Logisch hätte ich noch lange spielen können, aber bis 35 wollte ich ohnehin nie dabei sein. Jeder muss für sich entscheiden, den passenden Moment finden», argumentiert sie. Lena Cina glaubt, ihn jetzt gefunden zu haben.
Job im Fokus - und später als Funktionärin?
Ohne Unihockey kann die seit August 2018 bei der PostFinance» für Hochschuleinsteiger verantwortliche Cina ihren Berufsweg forcieren. Sie steckt nebenbei in einer Weiterbildung zum Diplom als Grafikerin, die noch ein Jahr dauert. «Ich benötige dann noch den praktischen Teil, aber es ist sicher ein Bereich, der mich interessiert.»
Im Unihockey kann sie sich nach etwas Abstand eine zeitaufwendige Funktion, in der sie sich an x Tagen und Abenden pro Woche wieder gebunden sieht, kaum vorstellen. Die Rede ist von der Arbeit als Trainerin, vielleicht gar als Sportchefin. «Aber in einem Vorstand oder so ähnlich eher», denkt sie an eine spätere, veränderte Rolle. Gelegenheiten werden kommen. Nicht so wie Mitte März 2020, wo die lange Karriere abrupt, unvollendet und lautlos zu Ende ging. Etwas unwürdige Umstände für eine Spielerin mit ihrem Leistungsausweis.
Quelle: "Walliser Bote", von Alan Daniele
![]()
Lena Cina absolvierte für die Schweiz 33 Länderspiele. (Bild: Erwin Keller)