01.
2002
Interview mit Tom Engel - All-Star am Europacup und Meistercenter

Wir haben die Erwartungen einigermassen erfüllt. Ich finde wir haben abgesehen von den beiden Startdritteln gegen HIFK und Haninge sehr solide gespielt und uns gegenüber der Meisterschaft klar gesteigert. Eine Medaille wäre sicher dringelegen, aber wir haben uns im kleinen Final schlicht zu dämlich angestellt, obwohl das sog. „Momentum„ in diesem Spiel zu Beginn des letzten Drittels eindeutig auf unserer Seite lag. Die Enttäuschung hält sich aber im Vergleich zum Vorjahr in Grenzen, da wir nicht mit den gleich hohen Erwartungen wie damals ins Turnier gingen.
Was denkst du sollte im Schweizer
Unihockey verbessert werden, damit beim nächsten Mal eine Medaille
drinliegt?
Haninge sollte wieder Meister werden,
damit nächstes Jahr nur je ein schwedisches bzw. finnisches Team dabei
ist... nein Spass beiseite, die grössten Defizite bestehen meiner
Meinung nach im Passspiel, welches bei uns viel zu ungenau ist und in der
Ballorientiertheit der Spieler. In der Schweiz hat jeder Spieler das Gefühl,
er müsse den Ball immer an der Schaufel haben. Es kann aber nur ein
Spieler den Ball haben, während die Spieler ohne Ball versuchen sollten,
Löcher in die gegnerische Defense zu reissen oder den ballführenden
Spieler zu unterstützen. Ebenso wird auch in der Verteidigungsarbeit
zu häufig auf den Ball geschaut, sodass es auf diesem Niveau immer
zu Toren wegen mangelnder Deckungsarbeit kommt. Was zudem mit flachen,
nicht holpernden (kein Drall!), scharfen und exakten Pässen möglich
ist, hat Haninge eindrucksvoll demonstriert. Ebenfalls besteht in Sachen
Effektivität ein Manko. HIFK etwa erzielte aus acht (!) Torschüssen
fünf Tore... Diesem Übel kann durch vermehrte Direktschüsse
und härterer Arbeit im gegnerischen Slot abgeholfen werden. Nicht
zuletzt im mentalen Bereich sollten noch Fortschritte erzielt werden. Ich
stelle immer wieder fest, dass Schweizer Spieler während den Spielen
zu lange einer vergebenen Chance nachtrauern oder über einen begangenen
Fehler nachstudieren, anstatt sich ausschliesslich auf ihren nächsten
Einsatz zu konzentrieren.
Du bist am Schluss des Turniers ins
All-Star-Team gewählt worden. Was bedeutet dir diese Auszeichnung?
Nun, ganz objektiv gesehen, hätte
wohl Jonte Kronstrand meinen Platz einnehmen müssen. Die Wahl hat
mir aber schon etwas Selbstvertrauen gegeben, obwohl ich grundsätzlich
glaube, meine Leistung selbst am besten beurteilen zu können. Zugunsten
einer Medaille hätte ich jedenfalls gerne auf diese Auszeichnung verzichtet.
Wie bist du mit deinen persönlichen
Leistungen am Europa-Cup zufrieden?
Ich kann zufrieden sein. Vor allem in
defensiver Hinsicht hatte ich nicht viele Durchhänger, hatte meine
Gegenspieler meistens im Griff und konnte ziemlich viele Zweikämpfe
für mich entscheiden. Offensiv wars auch ganz passabel, v.a. gegen
die Norweger habe ich aber im Abschluss etwas gesündigt... Wichtig
war für mich, in den schwierigen Phasen (Schlussphase Greaker-Spiel,
1. Drittel gegen Haninge) positiv zu bleiben und mich immer nur auf den
nächsten Einsatz zu konzentrieren. Das ist mir ganz gut gelungen.
In den letzten beiden Meisterschaftsspielen
hast du nicht weniger als 14 Scorerpunkte erzielt. Bist du nun in Topform
oder gibt es noch Punkte, die du unbedingt verbessern willst?
Von Topform kann nicht die Rede sein!
Körperlich, aber auch mental bin ich etwas am Anschlag. Der Europa-Cup
kostet einfach sehr viel Substanz. Wir haben seit anfang Januar bereits
acht Spiele absolviert. Gegen Köniz und Kloten bspw. musste ich mich
anfangs richtig überwinden, mich zu bewegen. Das habe ich getan, und
nach dem ersten Tor ist dann plötzlich alles von allein gegangen.
Das hat mir einmal mehr gezeigt, wieviel man mit der richtigen Einstellung
bewirken kann. Im Moment scheine ich einfach einen Lauf zu haben. Ich bin
mir aber bewusst, dass mir vielleicht schon bald die gegnerische Kiste
wieder wie vernagelt vorkommen kann. Darum mache ich mir nicht allzuviel
aus diesem momentanen Höhenflug. Generell als verbesserungswürdig
erachte ich in offensiver Hinsicht meine Effizienz und in der Defensive
meine mangelhafte Blockarbeit bei gegnerischen Distanzschüssen. Zudem
lässt auch meine Disziplin gegenüber den Schiris zuweilen etwas
zu wünschen übrig...
Rot-Weiss Chur steht im Moment an
der Spitze der Meisterschaft. Bist du zufrieden mit den bisherigen Leistungen
des Teams?
Meine Bilanz fällt durchzogen aus.
Vor Saisonbeginn hätte ich nie gedacht, dass wir während der
ganzen Quali zuoberst stehen würden. Unser Tabellenrang entspricht
meiner Meinung nach aber nicht unbedingt unseren gezeigten Leistungen.
In der Meisterschaft haben wir vielleicht in drei, vier Spielen phasenweise
angedeutet, wozu wir eigentlich fähig sind. Zudem müssen wir
noch den Beweis erbringen, dass wir allenfalls auch in den Playoffs gegen
die anderen Spitzenteams Wiler und Alligator gewinnen können. Wenn
wir als Team (und damit meine ich alle Spieler, von der Nr. 1 bis zur Nr.
28) die gleiche oder noch bessere Spannung und Konzentration aufbauen können
wie teilweise während des Europa-Cups, dann steht das für mich
ausser Frage. Nur werden wir nicht einfach in den Playoffs den Hebel umlegen
können und glauben, dass dann jeder wirklich bereit sein wird. Darum
müssen wir endlich die zwischenzeitlichen Durchhänger in den
Spielen eliminieren und bessere Trainingsqualität abliefern!
Was hat dich in dieser Saison am
meisten gefreut oder überrascht?
Überrascht hat mich das Auftreten
von Torpedo, denn vor Saisonbeginn hätte ich ihnen nicht zugetraut,
ein ernsthafter Playoff-Kandidat zu sein. Sie zeigen aber, was mit einem
guten Spirit möglich ist. Am meisten Freude hat mir bis jetzt das
Zusammenspiel mit Bräggi und Fritte bereitet. Die beiden geben immer
alles, und wir ergänzen uns mittlerweile sehr gut. Wenn wir genügend
in Bewegung sind, dann ergeben sich die Chancen automatisch. So wie es
im Moment läuft, machts Spass!
Welches sind die grössten Enttäuschungen?
Die grösste Enttäuschung war
sicherlich das Cup-Out gegen Uster. Wie wir dieses Spiel vergeigt haben,
war wirklich schulbubenmässig... Dabei wäre es dieses Jahr wohl
so einfach wie noch nie gewesen, in den Cupfinal einzuziehen. Schade, denn
dieser hat sich in den letzten Jahren zu einem bemerkenswerten Event entwickelt.
Sicherlich auch nicht gerade erfreulich sind die rückläufigen
Zuschauerzahlen. Wenn bei einem Spitzenkampf zwischen Rot-Weiss und Alligator
nicht einmal mehr 500 Leute erscheinen, dann macht man sich schon so seine
Gedanken.
Wie sieht deine persönliche
Zukunft aus?
Das weiss ich noch nicht. Im Moment kann
ich mir von Rücktritt über Klubwechsel bis zum Verbleib bei Rot-Weiss
alles vorstellen. Darüber werde ich mir in der nächsten Zeit
den Kopf zerbrechen müssen.
Vielen Dank für das Gespräch und viel Glück für den weiteren Meisterschaftsverlauf!