10.
2015
Über Nacht auf Weltklasseniveau
Vor kurzem dachte Fabio Bisso kaum an Unihockey. Jetzt spielt der Gossauer in der besten Liga der Welt - eine Geschichte «wie ein Märchen».
Eigentlich hatte Fabio Bisso mit seiner Unihockey-Karriere abgeschlossen. Der Gossauer wollte sich ganz seinem Studium widmen, das er vor ein paar Wochen in der schwedischen Provinz Värmland in Karlstad in Angriff nahm. Und dann kam vorletzte Woche dieser Anruf. Ein Herr Bergqvist sei am Apparat. Mikael Bergqvist, Sportchef von Karlstad IBF. Jenem Unihockeyklub, der im Frühling in die höchste schwedische Liga aufgestiegen war. «Was will der von mir?», dachte Bisso.
Bergqvist kam schnell auf den Punkt. «Wir brauchen einen Torhüter, und da haben wir an dich gedacht», sagte er. Bisso war erst einmal baff. Natürlich hatte er mitbekommen, dass Karlstads Torhüter, der Zürcher Jonas Witter, mit einem Kreuzbandriss rund zehn Monate ausfällt. Dass er, Bisso, als Ersatz in Frage käme, hätte er nie gedacht. «Es kam alles völlig überraschend.» Später erfuhr er, dass Witter ihn selbst als Ersatz vorgeschlagen hatte.
Überlegen musste der 30-Jährige nicht lange. «Diese einmalige Chance konnte ich mir nicht entgehen lassen.» Tags darauf absolvierte er sein erstes Training. Es nahm noch ein weiterer Torhüter teil, der sich ebenfalls für den freien Platz empfehlen wollte. Doch Bisso setzte sich gegen den Konkurrenten durch und bekam nach dem Training vom Trainer schnell das Feedback, dass man mit ihm zufrieden sei und gerne auf seine Dienste zählen würde.
Erhoffter Zweikampf
Letzte Woche unterschrieb der Gossauer schliesslich einen Einjahresvertrag. Auch wenn klar scheint, dass das Abenteuer befristet ist - in Karlstad plant man nächste Saison wieder mit Vorgänger Wittwer -, ist Bissos Zufriedenheit am Telefon unüberhörbar. Auch wenn sein Kontrahent Nicklas Nilsson offiziell die Nummer 1 ist, glaubt der angehende Vorschullehrer an seine Chance. «Nilsson ist gut, aber nicht unwiderstehlich.» Und auch Karlstads Sportchef rechnet mit einem Duell auf Augenhöhe. «Er hat absolut die Qualität, um Nilsson zu fordern.»
Noch nicht eingerostet
Zugute kommt Bisso, der etwas ausserhalb von Karlstad in einem Gästehaus wohnt, dass er das schwedische Unihockey gut kennt und auch die Landessprache beherrscht. Vor vier Jahren zog es den ehemaligen Torhüter des UHC Uster nach Stockholm zum Traditionsverein Balrog. Dort spielte er drei Jahre in der zweithöchsten Liga, ehe er eine halbjährige Pause einlegte. Nach einem kurzen Comeback wollte er dem Sport definitiv den Rücken kehren, bis der Anruf von Bergqvist kam. «Jetzt bin ich wieder Feuer und Flamme», sagt er. «Es wird eine grosse Herausforderung. Das Niveau in der SSL ist unglaublich. Das Spiel ist schnell, die Schüsse kommen direkt und präzise. Zum Glück bin ich noch nicht eingerostet.»
Sein Debüt, wenn auch auf der Bank, gab Bisso bereits am Montag im Auswärtsspiel gegen Dalen. Dafür musste sein Team eine 14-stündige Carfahrt zurücklegen. «Kein Problem», sagte Bisso vor der Abfahrt, «dann habe ich genug Zeit, die Nervosität abzulegen.» Das Spiel wurde live im schwedischen TV übertragen. Aufsteiger Karlstad gewann 5:3 - der zweite Schweizer im Team, Paolo Riedi, traf zum zwischenzeitlichen 3:2 - und liegt nun mit drei Siegen aus vier Partien auf dem hervorragenden dritten Platz. «Der Verein ist professionell und ambitioniert.» Und als ob er sein Glück noch immer nicht richtig fassen könnte, sagt Bisso: «Gestern war Unihockey weit weg, und heute spiele ich in der SSL, der besten Liga der Welt. Es ist wie ein Märchen.»
Zeitungsbericht "Zürcher Oberländer" (Raphael Mahler)