10.
07.
Schweden | Autor: "Die Südostschweiz"

Der Entscheid fiel vor dem Spiegel

Nach 19 Jahren bei Piranha Chur fordert sich die Unihockeyspielerin Flurina Marti nochmals neu heraus und wechselt zu Pixbo Wallenstam nach Schweden. Vieles deutet darauf hin, dass es ihre letzte Saison vor dem Karriereende wird.

Der Entscheid fiel vor dem Spiegel Obwohl Flurina Marti erstmals ein anderes Trikot tragen wird, wird sie im Herzen immer eine Piranha bleiben. (Bild: Fabrice Duc)

Ein Bild beschreibt die schwierige Entscheidung bestens. Unihockeyspielerin Flurina Marti steht vor dem Spiegel und ist fest entschlossen, bei Piranha Chur zu bleiben. Keine zwanzig Minuten später schaut sie wieder in denSpiegel und entscheidet sich anders. Nämlich für einen Wechsel in die schwedische Liga zum Topklub Pixbo Wallenstam. «Beides fühlte sich gut und richtig an. Beides hätte für mich gestimmt. Schliesslich war es ein Entscheid aus dem Bauch heraus», sagt Marti.

Das Hin und Her hatte ein Ende. Die Ungewissheit, zwischen drei Optionen (Karriereende, weiteres Jahr bei Piranha Chur oder Wechsel nach Schweden) wählen zu können, ebenfalls. Die Neugierde, die Abenteuerlust und der Wunsch nach etwas Neuem hatten gesiegt. Wenn nicht jetzt, wann dann - sagte sich die Schweizer Nationalspielerin.

Nach 19 Jahren bei Piranha Chur hat sich die 30-Jährige also für einen Wechsel in den hohen Norden entschieden. Dorthin, wo mit Lara Heini eine gute Freundin und ehemalige Teamkollegin bald die vierte Saison in Angriff nehmen wird. Die Torhüterin spielte eine wichtige Rolle in der Entscheidungsfindung. Nicht zum ersten Mal versuchte sie Marti von einem Wechsel zu Pixbo zu überzeugen. Doch bis in den diesjährigen Frühling hinein schloss die Verteidigerin ein solches Abenteuer immer kategorisch aus. Auch, weil sie in der Heimat vieles hatte, das sie nicht einfach so aufgeben wollte. Und: «Ich sagte mir nie, dass ich mal in der besten Liga der Welt spielen müsste, um schliesslich glücklich auf meine Laufbahn zurückschauen zu können.»

Ein mutiger Entscheid
Und doch schien das Karriereende in Martis Gedanken so real wie kaum einmal zuvor. Nach einer enttäuschenden Saison und dem Viertelfinal-Ausscheiden mit Piranha Chur ging es primär um die Frage, ob sie noch eine Spielzeit anhängen würde oder nicht. Mit der Aussicht, Ende Jahr ihre letzte Weltmeisterschaft zu spielen, entschied sie sich gegen den Rücktritt. Erst von da an wurde ein Wechsel nach Schweden zum Thema. Auch, weil das Gesamtpaket stimmte. Mit Heini als gute Freundin in einem Team, das um den Meistertitel kämpfen kann, der Möglichkeit, für ihren Arbeitgeber (Fachhochschule Graubünden) von Schweden aus zu arbeiten und der Lust, im Spätherbst ihrer Karriere nochmals ein Abenteuer in Verbindung mit dem Unihockey zu erleben.

Doch Marti fällt auch schwer, was sie ab Anfang August für rund neun Monate zurücklassen muss. Nicht nur aus sportlicher Sicht. Ihr persönliches Umfeld, ihren Freund, ihren gewohnten Alltag. Auch deshalb spricht sie von einem mutigen Entscheid. «Es wäre viel einfacher gewesen, nichts zu verändern», sagt Marti, die quasi wieder bei null beginnt. Neues Team, neue Sprache, neue Rolle.

Für Daniel Darms, Sportchef von Piranha Chur, kommt der Abgang nicht ganz überraschend. Er rechnete insofern gar damit, «weil man beim Planen immer vom aus unserer Sicht schlechtesten Fall ausgehen muss». Dazu kommunizierte die Nationalspielerin transparent und hielt die Verantwortlichen und das Team jeweils auf dem Laufenden. So liess sich eine Tendenz erahnen.

Kein schlechtes Gewissen
So schmerzhaft der Abgang für Piranha Chur ist, so fest mag der Sportchef Flurina Marti die Chance in Schweden gönnen. «Wenn eine Spielerin eine solche Gelegenheit erhält, muss sie diese auch nutzen.» Doch er hebt auch den Mahnfinger: «In Schweden ist das Niveau höher. Auch eine Weltklassespielerin muss sich erstmals der Konkurrenz stellen.» Das ist der Angesprochenen auch bewusst. Die Sicherheit, dass sie das Spiel so prägen kann wie bei Piranha Chur, hat sie nicht. Sie muss sich gegen die weltbesten Spielerinnen neu beweisen. Bis zum Start der WM Ende November will sich Marti Zeit lassen, um sowohl privat als auch sportlich im hohen Norden anzukommen.

Dabei wird sie ihren Herzensklub aus Chur genau beobachten. Dieser dürfte nach den gewichtigen Abgängen von Marti und Chiara Gredig (ebenfalls nach Schweden) vor einer weiteren schwierigen Saison stehen. Ein schlechtes Gewissen plagt Marti deshalb aber nicht. Auch, weil sie über Jahre hinweg gute Leistungen erbrachte und alles für ihren Herzensklub getan hatte. Sie sagt: «Es ist mein Entscheid, und dafür bin ich niemandem Rechenschaft schuldig.» Dazu ist sie von der Qualität des neuen Trainergespanns und der vielen talentierten Spielerinnen überzeugt. Und rechnet damit, dass die Churerinnen vielleicht schon in der bevorstehenden, sicher aber in den nächsten Jahren wieder an die Spitze zurückkehren werden.

«Sag niemals nie», antwortet Marti auf die Frage, ob sie in Zukunft bei Piranha Chur nochmals eine Rolle auf dem Spielfeld übernehmen wird. Dies wäre ab der Saison 2022/23 der Fall. Denn ihr Schweden-Abenteuer ist zeitlich auf eine Saison begrenzt. Die Tendenz lautet trotzdem «eher nein». Der Rücktritt würde nach einer letzten WM und dem Schweden-Abenteuer mit dem möglichen Titelgewinn Sinn machen. Man darf gespannt sein.

Quelle: „Die Südostschweiz", von Stefan Salzmann

 

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