Der letzte Held
Ende März rumpelte es gehörig im Schierser Oberhof. Im Foyer, dort, wo nach den Spielen Freund und Feind bei einem guten Gläschen Herrschäftler nochmals über die Partie diskutieren und lamentieren, wurde nach der unerwarteten Halbfinalniederlage gegen die Grasshoppers Tacheles geredet. Viel Frust hatte sich aufgestaut bei den Alligatoren. Zu Wort meldete sich auch der «Stammesälteste»: Mathias Larsson, Schwedischer Natispieler und Abwehrchef bei den Malansern, warf seinen Teamkollegen mangelnden Einsatz im Training und Genügsamkeit vor. Artikel lesen
Der letzte Held
Mathias Larsson ist Teamclown, Schiedsrichterschreck und verlängerter Arm des Cheftrainers und der letzte noch verbliebene Weltmeister in der Nationalliga A.
TEXT: RETO VONESCHEN
FOTOS: ERWIN KELLER
Ende März rumpelte es gehörig im Schierser Oberhof. Im Foyer, dort, wo nach den Spielen Freund und Feind bei einem guten Gläschen Herrschäftler nochmals über die Partie diskutieren und lamentieren, wurde nach der unerwarteten Halbfinalniederlage gegen die Grasshoppers Tacheles geredet. Viel Frust hatte sich aufgestaut bei den Alligatoren. Zu Wort meldete sich auch der «Stammesälteste»: Mathias Larsson, Schwedischer Natispieler und Abwehrchef bei den Malansern, warf seinen Teamkollegen mangelnden Einsatz im Training und Genügsamkeit vor. Für ihn eine Todsünde: «Wenn ich in der Halle stehe, gebe ich Vollgas.»
DAS KIND IM MANNE
Schaut man beim Training der Alligatoren zu, fällt sofort auf, wie der 32-jährige immer noch mit der Freude eines D-Juniors jedem Ball nachrennt, lautstark jedes Tor bejubelt und zu jedem Streich bereit ist. Larsson hat sich das Kind im Manne bewahrt. Auch im Spiel fällt der mittlerweile langhaarige Schwede sofort auf. Mal tänzerisch schwebend, mal rustikal aufräumend - selten, dass sich Larsson nicht in Ballnähe aufhält. «He's in love with the ball» wie es der schwedische Unihockeyjournalist Martin Zetterstedt treffend sagt. Larsson zuzuschauen ist ein Augenschmaus. Wie einst Günter Netzer kommt er am liebsten aus der Tiefe des Raums. Seine langen Pässe sind zentimetergenau, seine stupende Technik und sein Körpergefühl beneidenswert. Mit dem mittlerweile bekannten «Larsson-Move» tanzt er auch Weltstars wie Niklas Jihde oder Magnus Svensson aus. Körpertäuschung links, Körpertäuschung recht - und schwupp steht der Gegenspieler im Regen. «Der Trick ist, nicht immer auf die gleiche Seite zu gehen« erklärt er augenzwinkernd. Als Normalsterblicher würde man wohl über die eigenen Beine stolpern ...
FÜNF AUFSTIEGE IN SERIE
Begonnen hat seine Karriere im westschwedischen Forshaga (20 km von Karlstad). Der damals 13-jährige Eishockeyspieler trat dem 5. Liga Unihockey-Team GS-86 von Karlstad bei. Drei Jahre und drei Aufstiege in Serie später war Schluss mit Eishockey. Seine Konzentration galt nur noch NB-87, wie sich der Verein mittlerweile nannte. Nach nochmals zwei Promotionen in Folge spielte Larsson als 18-jähriger erstmals in der damals noch vier Gruppen umfassenden Elite-Divison Schwedens. Nach sieben Jahren in Karlstad zog es ihn an die Küste. Bei Warbergs IC-85 landete er bei einem Topverein, der 2003 erst im Finale von Pixbo gestoppt wurde.
Mit der Zeit hatte er aber genug von den bis zu 18 Stunden dauernden Reisen an die Auswärtsspiele. Larsson wollte wieder mehr Zeit für die Familie und entschied sich für einen Wechsel in die Schweiz. Alligator-Sportchef Louis Liesch liess er sechs Jahre zappeln, im April 2003 sagte er endlich zu. Kurze Zeit später unterschrieb auch sein damaliger Trainer und ehemaliger Mitspieler Stefan Pettersson bei den Bündnern. Alles schien perfekt. Bis er eines Morgens im Mai ein Ziehen in der Brust spürte. Diagnose: Ein Riss in der Lunge! Drei Wochen lag er im Spitalbett, nahm sieben Kilos ab, durfte danach zwei Monate keinen Sport treiben. Anfangs August kam er in die Schweiz und wollte alles Verpasste nachholen. Larsson: «Ich dachte nur, was denken wohl die Mitspieler, wenn der neue Ausländer so schlecht trainiert ist?« Er mutete sich zuviel zu. Der Körper rebellierte, bald bildete sich Wasser in der Lunge. Immer wieder musste er aussetzen, «bis Weihnachten konnte ich meistens nur einmal pro Woche mit der Mannschaft trainieren.» Er biss auf die Zähne, war froh, wenn wieder ein Drittel heil überstanden war. Ohne Brustschutz hätte er sich nicht aufs Spielfeld getraut, auch Masseur Stefan Lampert und Teamdoc Reto Castelberg schoben Überstunden. Trotzdem reichte es bis ins Finale gegen Wiler-Ersigen. Das Bild vom auf der Bande hockenden, völlig ausgepumpten Schweden ging um die Schweiz.
LARSSON VS. JIHDE
Mittlerweile beginnt seine dritte Saison in der Schweiz. Gequält hat er sich im Sommer bei Warbergs IC bis zu fünf mal die Woche, ist durch die Dünen gerannt bis es dunkel wurde.
Larsson weiss, «ich muss mehr machen, damit ich so fit wie meine jungen Mitspieler bin«. Ohne ihn geht nicht viel in der Malanser Abwehr. Gerade in den Playoffs hat man den «andern» Larsson gesehen. Denjenigen, der nicht für die Galerie spielt, sondern in kritischen Phasen auch Verantwortung übernimmt, lange Wege läuft und das Team anpeitscht. Als Einziger bekam er Niklas Jihde einigermassen in den Griff. Die zwei Spezis vergassen für zwei Wochen ihre Freundschaft. Die Natels wurden abgestellt. Wiederum blieb er zweiter Sieger. Beim grossen Finale in der Saalsporthalle war er nur Zuschauer und durfte den «Loser»-Pokal des dritten Rang in Empfang nehmen. Der Speaker kannte nicht mal seinen Namen ...
Ein Jahr zuvor hatte er nur ein paar Kilometer entfernt seinen bisher grössten Triumph gefeiert. Im Klotener Schluefweg wurde er Weltmeister. Und zwar im ersten Block und als Powerplayspieler. Die Schweden halten ganz grosse Stücke auf ihn. Hinter dem überragenden Henrik Quist (Pixbo) stuft man Larsson als Nr. 2 der Verteidiger ein. Er selber will zwar noch nichts davon wissen, doch ist davon auszugehn, dass er nächstes Jahr in der WM-Truppe auflaufen wird. Auch für ihn ist die Weltmeisterschaft im eigenen Land etwas Besonderes. Naticoach Kristina Landgren hält ständigen Kontakt zu ihm, wie auch zu Trainer Stefan Pettersson. Er weiss, «die besten Spieler sind dabei - egal wie alt sie sind!» Er freut sich darauf, dass Frau Landgren im Herbst sogar persönlich in die Schweiz kommt, um ihn - und mittlerweile auch Olle Thorsell von Wiler - «live» begutachten zu können.
RÜCKKEHR NACH SCHWEDEN
Nach der WM im Mai wird er nicht mehr in die Schweiz zurückkehren. «Dies ist meine letzte Saison im Ausland« erklärt er unmissverständlich. Man spürt, dass er sich hier zwar wohl, aber doch nur «zu Gast« fühlt. Sein Herz hängt an Warberg: «Jeder, der dorthin kam, bleibt auch.» Er wird wieder seinen alten Arbeitsplatz als Inserateverkäufer bei der Tageszeitung «Hallands Nyheter« aufnehmen. Ob er sich auch noch mal die Strapazen der Elitserien antut, weiss er noch nicht. «Mal schauen« meint er lachend. Ein Finalspiel vor über 16000 Zuschauern im ausverkauftn Globen zu Stockholm wäre jedenfalls ein würdiger Abschluss.
GUT INTEGRIERTE FAMILIE
Dass er es überhaupt drei Jahre in der Schweiz aushielt, war auch der guten Integration seiner Familie zu verdanken. Überhaupt: die Familie - Lebensgefährtin Malin (30) und die Töchter Julia (9) und Amanda (4) - steht bei Larsson an allererster Stelle. «Als Julia klein war, wurde sie einmal sehr krank, da sagte ich sogar ein Aufgebot für die Nationalmannschaft ab« erklärt er. Mittlerweile geht sie im Wohnort Zizers in die dritte Klasse und spricht fliessend «Schwyzerdütsch« mit den Schulkameraden - Mathias versteht dann kein Wort mehr. Stolz erzählt er auch, dass sie in Mathe und Deutsch eine 5.5 im Zeugnis stehen hat. Und plötzlich ist Unihockey weit weg, man spürt, Vater sein ist ihm wichtiger als zu gewinnen. Man wird ihn trotz alledem nächste Saison vermissen in Malans. Dann müssen an Teamsitzungen wieder andere Tacheles reden.