Checkpoint Kalti
Das Salufer-Quartier in Chur. Im gleichen Block wohnten Reto und Tom Weber, Florian Felix, Pasqualino Santoro, Ralph Caluori, Flavio und Marcel Kaltenbrunner, in der Nachbarschaft Mark Wolf und Pierin Menzli. Nach der Schule und in jeder freien Minute traf man sich zum Fussball- oder Hockeyspielen im Quartier. Noch dachte wohl kaum einer der Jungs daran, später einmal ernsthaft Unihockey zu spielen. Artikel lesen
Checkpoint Kalti
Er gilt als einer der komplettesten Spieler mit Schweizer Pass. Sein Spielverständnis verdankt er der Mutter, die Glatze dem Vater. Aus gesundheitlichen Gründen könnte die Karriere schon bald zu Ende sein.
TEXT: DAMIAN KELLER
FOTOS: Daniel Zannantonio
Das Salufer-Quartier in Chur. Im gleichen Block wohnten Reto und Tom Weber, Florian Felix, Pasqualino Santoro, Ralph Caluori, Flavio und Marcel Kaltenbrunner, in der Nachbarschaft Mark Wolf und Pierin Menzli. Nach der Schule und in jeder freien Minute traf man sich zum Fussball- oder Hockeyspielen im Quartier. Noch dachte wohl kaum einer der Jungs daran, später einmal ernsthaft Unihockey zu spielen. In der NLA, in Schweden, in der Nationalmannschaft, an Europacups. «Solche Quartiermannschaften gibt es heute kaum mehr» bedauert Marcel Kaltenbrunner. «Sehr viel von dem, was ich heute kann, habe ich bei uns im Quartier gelernt».
Im Alter von 9 Jahren trat Marcel in die Juniorenabteilung von Rot-Weiss ein. Sandor Hossmann als Trainer der C-Junioren und später Marcus Cathomas sowie Ruedi Kunz bezeichnet Kaltenbrunner als die Trainer, die ihn am meisten geprägt haben. Mit 17 debütierte er in der NLA, mit 19 stand er bereits im WM-Final in Prag. Er bestach immer durch seine Vielseitigkeit, war auf jeder Position einsetzbar und dies erstklassig. Mittlerweile spielt er aber nur noch Verteidiger. «Ich mag es, das Spiel vor mir zu haben und lesen zu können. Das Forechecking sollen die Jungen machen» meint er grinsend. Auf seinen Spitzenrang in der Rangliste der «besten Offensiv-Verteidiger» in der 2. Ausgabe von unihockey.ch angesprochen sagt er: «Da war ich wohl etwas zu weit vorne klassiert. Ich hoffe aber schon, dass ich bei Wiler auch wieder eine offensivere Rolle werde übernehmen können, wenn ich wieder ganz fit bin».
In the Zone
Im Playoff-Final zwischen Rot-Weiss Chur und Wiler in der Saison 2002/03 war Marcel Kaltenbrunner in «the Zone», wie die Amerikaner das nennen. Er blockte unzählige Schüsse, organisierte die Abwehr, verlor keinen Zweikampf und war vor allem im Powerplay auch ein grosser Skorer. Das war der beste Kaltenbrunner, den man je sah - vermutlich sogar das Beste, was man je von einem Schweizer Unihockeyspieler gesehen hat. «Ich habe immer gewusst, was mein Gegenspieler machen würde, war wie in Trance» erinnert sich Kaltenbrunner. «Diese Playoff-Final-Serie gehört zu den Highlights meiner Karriere. Dabei waren die Voraussetzungen alles andere als ideal gewesen - nach dem Sommertraining war ich für zwei Monate nach Indonesien gereist und hatte später im Verlauf der Saison noch ein Hirnerschütterung erlitten...» Es war der letzte Meistertitel der rot-weissen Dynastie, für Kaltenbrunner der fünfte Titel im Alter von 22 Jahren. Es folgte der Absturz mit dem Verpassen der Finalrunde, gerettet wurde die letzte Saison vor der Fusion mit Torpedo Chur einzig mit dem Cupsieg. «Diese letzte Saison war bitter für uns, man hat gemerkt, dass wir alle in unserer Karriere nie richtig mit Niederlagen umzugehen gelernt hatten, da es so etwas nie gegeben hatte. Erst im Cupfinal hat man noch einmal die ganze Kraft von Rot-Weiss gespürt, unsere Konzentration auf dieses eine Spiel war unglaublich» sagt der Bündner.
Luftveränderung nötig gehabt
Mit der Fusion sah Kaltenbrunner die Zeit für einen Wechsel gekommen. «Ich war einer der ersten, die den Abgang angekündigt haben. Für mich war es Zeit, etwas Neues kennen zu lernen. Einerseits wollte ich mir beweisen, dass ich mich auch in einem anderen starken Klub durchsetzen kann - andererseits musste nach 15 Jahren mit Trainings und Spielen in der Gewerbeschulhalle eine Luftveränderung einfach mal sein». Wäre er denn auch gegangen, wenn er
gewusst hätte, wie gross der Aderlass im Team letztlich sein würde? «Ich hätte wirklich nicht gedacht, dass so viele Spieler gehen würden. Aber eben, für mich war die Zeit reif, eine neue Herausforderung zu suchen».
Bleibt noch die Frage, warum es ein Spieler seines Kalibers nicht in Schweden versucht hat. «Ich weiss es nicht genau» überlegt Kaltenbrunner einen Moment.
«Es hat mich wohl einfach zu wenig gereizt, um mich wirklich entsprechend zu engagieren. Und es ist ja so, dass man sich selber um einen solchen Wechsel bemühen muss, die Schweden stehen nicht Schlange, um Schweizer zu verpflichten».
Wiler als letzte Station?
So kam also der Meister Wiler-Ersigen zum Handkuss. Kaltenbrunner schätzt die hohe Intensität in den Trainings. Auch Nationalspieler müssen schon in den Trainings alles geben, um am Wochenende spielen zu können, man muss besser sein als der Kollege. «Da ist natürlich schon auch ein gewisses Unmuts-Potenzial vorhanden» gibt Kaltenbrunner zu. Bis jetzt habe sich aber vieles durch Verletzungen von selber erledigt. Und: «Der Teamgeist bei Wiler ist wirklich erstklassig, das hätte ich so nicht erwartet. Man hat hier sorgfältig etwas aufgebaut, nicht einfach blind «Stars» angelockt». Einer der verletzungsbedingt Ausgefallenen war auch Marcel Kaltenbrunner.
In seinem Fall muss man sagen: Wie könnte es auch anders sein. Diesmal waren es Nierensteine, die den 25-jährigen an Einsätzen gehindert haben. Man kann nur hoffen, dass dieses Problem bis zum Europacup behoben ist. «In jungen Jahren habe ich zuwenig auf meinen Körper gehört, habe Verletzungen nie genügend auskuriert, zum Teil auch gegen den Willen der Ärzte. Heute weiss ich, dass - bei aller Liebe zum Unihockeysport - die Gesundheit das wichtigere Gut ist. Ich spiele so lange, wie mein Körper mitmacht - dann ist Schluss. Bleibende Schäden will ich nicht riskieren. Gewisse Abnützungserscheinungen sind jetzt schon vorhanden». Mit der Prognose, dass Kaltenbrunner noch eine Saison anhängt und nach der WM 2006 in Schweden den Stock an den Nagel hängt, dürfte man so falsch nicht liegen.
Zudem im Magazin: Kaltenbrunner im Gespräch über sein Markenzeichen und den Europacup.