Skorer mit Gefühl
In Binggelis erster NLB-Saison mit Uster (2001/02) machte er sich wenig Freunde bei den Schiedsrichtergespannen der Liga. Er verteilte «Vögel» und «Scheibenwischer» an die Refs, schickte Gegenspieler unsanft über die Bande und sammelte dafür 64 Strafminuten, rote Karten, Zehnminutenstrafen die ganze Palette war abgedeckt. «Ich muss meine Emotionen zeigen wenn ich mal keine Strafen mehr erhalte, bin ich nicht mehr Jan Binggeli» meint der 21jährige dazu. Artikel lesen
Skorer mit Gefühl
Auf der Suche nach dem Nachfolger Livio DIntinos ist Chur Unihockey in Uster fündig geworden. Jan Binggeli ist ähnlich emotional und auch sportlich auf gutem Weg.
TEXT: DAMIAN KELLER
FOTOS: Daniel Zannantonio
In Binggelis erster NLB-Saison mit Uster (2001/02) machte er sich wenig Freunde bei den Schiedsrichtergespannen der Liga. Er verteilte «Vögel» und «Scheibenwischer» an die Refs, schickte Gegenspieler unsanft über die Bande und sammelte dafür 64 Strafminuten, rote Karten, Zehnminutenstrafen - die ganze Palette war abgedeckt. «Ich muss meine Emotionen zeigen - wenn ich mal keine Strafen mehr erhalte, bin ich nicht mehr Jan Binggeli» meint der 21jährige dazu. «Alle Schiedsrichter hassten mich, ich durfte mir schon bald gar nichts mehr erlauben. Bei der Schiri-Komission bin ich auf diversen Lernvideos verewigt - die sagten sich damals wohl: Gehen wir nach Uster den Binggeli filmen, dann bekommen wir was zu sehen». Einen gewissen Stolz darauf verneint er nicht, Jan Binggeli fällt gerne auf. Seine verschiedenen Kopftücher erinnern an Janne Tähkä, den ebenfalls sehr extrovertierten Finnen.
Daniel Brunner bei Uster und zuvor Thomas Intlekofer und Markus Humm bei Jump Dübendorf («Humm verdankte ich auch meine Super-Lehrstelle») bezeichnet er als die Trainer, die ihn am meisten geprägt haben. Angesichts seines Temperamentes dürften sie nicht immer Freude an ihm gehabt haben. Aber Binggeli gehörte immer zu den besten Skorern des Teams. «Ich weiss, dass ich grosse Probleme mit den Trainern und Mitspielern bekommen hätte, wenn ich nicht so viele Tore geschossen hätte» sagt Binggeli. Immerhin sei er aber nun ruhiger geworden. Er zeigt seine Emotionen immer noch gerne, hat sich aber besser im Griff und respektiert die Unparteiischen. «Ich habe grosse Achtung vor den Schiedsrichtern, sie leisten sehr viel und müssen viel Kritik einstecken. Manchmal auch von mir auf dem Feld...» Tore schiesst er mehr denn je, mit 28 Toren und 10 Assists ist er in dieser Saison Usters Topskorer, weit vor den beiden Schweden Mikael Lundin und Anton Ermling. Bis in das erweiterte Kader der Nationalmannschaft hat ihn dies gebracht.
Einstecken und Austeilen
Wer einen gewissen Ruf als Hitzkopf geniesst, braucht auf dem Feld auf die Provokationen der Gegenspieler nicht lange zu warten. Das ist bei Binggeli nicht anders. «Ich stecke wohl mehr ein, als die meisten sehen. Dass ich austeilen kann, weiss man dagegen. Für mich ist das in Ordnung, schliesslich trage ich auf dem Feld keinen Sonntagsanzug. Hauptsache ist, dass man sich nach der Partie beim Shakehands wieder in die Augen sehen kann. Nach der Partie ist alles vergessen». Besonders «gemocht» wird der Zürcher bei Waldkirch-St.Gallen, seit er in den Aufstiegsplayoffs vor einem Jahr den entscheidenden Treffer in der Verlängerung erzielte, der Uster den Aufstieg sicherte. «An die Sprüche der Zuschauer in der Halle Bünt kann ich mich noch gut erinnern. Es ist geil, vom Gegner so gehasst zu werden und diesen dann zu schlagen, das ist extrem motivierend. In der Region Waldkirch gehe ich wohl besser nie einen Kaffee trinken, dort habe ich sehr wenig Freunde». Immerhin habe man ihm einen Job als Hallenwart in der Bünt angeboten, nachdem er eine nasse Stelle auf dem Feld mit einem Lappen getrocknet hatte. Solche Sprüche bleiben Binggeli in Erinnerung - und prompt war er auch in der Abstiegsrunde mit zwei Toren massgeblich am 5:2 Sieg gegen die Ostschweizer beteiligt.
Situation in Uster
Mit grossem Optimismus war man bei Uster in die erste NLA-Saison gestartet. Schnell wurde man von der Realität eingeholt, den Unterschied zwischen NLB und NLA bezeichnet Binggeli als riesig. «Wir waren wohl ziemlich naiv, was die Saisonziele anbelangt» gibt er zu. Manche träumten sogar von der Finalrunde - auf keinen Fall aber wollte man so schwach abschneiden wie Waldkirch-St.Gallen, der Aufsteiger ein Jahr zuvor. Vor allem im physischen Bereich hapert es - Uster verfügt über nur drei grossgewachsene Spieler, und einer davon ist Torhüter Edi-Marc Schütz. «Bei Wiler sind fast alle so gross - es ist schwer, sich gegen Verteidiger mit enormer Reichweite durchzusetzen. Zudem fehlt es uns an Routiniers. Man darf ja nicht vergessen, dass die meisten Spieler noch zusammen in der 1. Liga gespielt haben». Dass Uster trotzdem noch reelle Chancen auf den rettenden achten Rang hat, liegt eher am schwächelnden WaSa.
Playoff-Erfahrung
Falls es trotzdem zu den Playouts gegen ein NLB-Team wie Basel Magic, Sense oder Lok Reinach kommen sollte, gibt sich Binggeli zuversichtlich. «Seit vier Jahren beendeten wir die Saison immer mit Playoff-Spielen und sind so von der 1. Liga bis in die NLA aufgestiegen - mit Ausnahme der Serie gegen die Kloten-Bülach Jets haben wir uns immer durchgesetzt. Das würden wir auch diesmal tun. Uster steigt nicht ab». Wie auch immer die Saison für Uster ausgehen wird - Jan Binggeli wird nächste Saison nicht mehr im Team sein. Per Juni 2005 wird er zu Chur Unihockey wechseln.