Bye bye Niklas
Ein ganz Grosser verlässt die Schweiz. Niklas Jihde zieht es nach zwei Jahren bei GC nach Schweden zurück. Zu ersetzen ist er nicht.
TEXT: DAMIAN KELLER
FOTOS: ANITA TROLLER
Gross, sehr zuvorkommend, meistens lächelnd, ein absoluter Torgarant - so werden wir Niklas Jihde in Erinnerung behalten. Es wird Torhüter und Verteidiger geben, die über seinen Abgang froh sind. Der GC-Kassier allenfalls auch, aber das soll hier nicht das Thema sein. Der Unihockey-Sport hat noch wenige echte Stars produziert, Niklas Jihde ist so einer, auch wenn es das Zürcher Publikum leider nicht gemerkt hat. Bei 137 Skorerpunkten aus zwei Saisons steht der Schwede bei Redaktionsschluss - es ist mehr als wahrscheinlich, dass in der Playoff-Finalserie gegen Wiler-Ersigen noch weitere dazu kommen werden.
Das Phänomen
Es gibt schnellere Spieler als Jihde, Stürmer mit einem härteren Schuss, grössere Zauberer - aber keiner hat den Torinstinkt des vierfachen Weltmeisters. Und er schiesst seine Tore nicht dann, wenn die Partie sowieso schon entschieden ist, sondern in den wichtigen Momenten. Das macht ihn so wertvoll für jedes Team - GC ist dank Jihde zu einem Spitzenteam geworden. In seiner zweiten Saison, als GC personell stärker besetzt war, hat er auch bei den Assists zugelegt - und als vorderster Mann im 2-2-1 von GC ist er soviel gelaufen wie noch nie in seiner Karriere. In einem Alter, in dem die meisten Schweizer ihre Karriere bereits beendet haben, arbeitet er immer noch an sich und lernt dazu. Ab kommender Saison werden die Fans von AIK Solna ihre helle Freude an ihm haben. GC werden nicht nur Jihdes Skorerpunkte fehlen.
«Bei mir will man nur Tore sehen»
Ein Treffen der Superstars. Matthias Hofbauer interviewt für unihockey.ch Niklas Jihde. Gegenfragen waren natürlich erlaubt.
Hofbauer hätte von Jihde gerne die Lockerheit vor dem Tor, Jihde möchte über Hofbauers Übersicht verfügen. Zwei völlig verschiedene Spielertypen zieren die Spitze der Skorerliste. Nach dem Motto «Stars interviewen Stars» haben wir die beiden zum Gespräch gebeten. Uns zuliebe haben sie sich auf englisch unterhalten - obwohl Mätthu
Hofbauer auch schwedisch spricht.
Hofbauer: Man hat den Eindruck, dass du hier ein sehr schönes Leben hast. Du gibst etwas Tennisstunden, spielst Unihockey, hast daneben viel Freizeit... Ist das wirklich so?
Jihde: Also die Tennislektionen sind schon auch anstrengend. Die Leute zahlen 110 Franken pro Stunde, unglaublich viel Geld, wenn ich das mit Schweden vergleiche. Also können sie auch erwarten, dass der Tennislehrer emotional und körperlich voll bei der Sache ist.
Hofbauer: Man hat aber von dir schon lesen können, dass du auch beim Skifahren warst, mal an einem Fussballspiel in Italien...
Jihde: Es ist sicher so, dass ich die Zeit hier nutzen wollte. Es sind nur ein paar Stunden nach Mailand, warum sollte ich also nicht mal dorthin fahren, oder auch mal nach Paris oder zum Skifahren? Ich habe während der Zeit in der Schweiz sicher fünf Mal soviel unternommen, wie ich das in Schweden gemacht hätte. Mir kamen dabei auch die Pausen für die Schweizer Nati entgegen - das bot mir Freizeit, die ich in Schweden nie gehabt habe.
Hofbauer: Einer der vielen Unterschiede zwischen den beiden Ligen?
Jihde: Ja. Ein anderer ist, dass wir mit GC wenige Tage vor Beginn der Playoffs ein Testspiel gegen Rychenberg gespielt haben. Unglaublich. In Schweden würde man nie gegen ein anderes Playoff-Team testen, da sind doch alle Spieler geladen. Prompt hat sich Bachmann am Auge verletzt und fiel zu Beginn gegen Malans aus.
Hofbauer: In Schweden wird die Entwicklung als Spieler in der Schweiz etwas unterschätzt. Wie ist dies bei dir verlaufen?
Jihde: Ich war vom Niveau ehrlich gesagt überrascht - ich wusste nicht viel über die Liga, bevor ich herkam. Ich musste wirklich hart trainieren, um mich zu verbessern - und ja, ich habe mich sicher weiter entwickelt. Zum Beispiel musste ich in unserem 2-2-1 System viel mehr laufen als früher neben einem Henrik Quist im Block.
Hofbauer: Man hat bei GC sehr viel von dir erwartet. Wie gehst du mit diesem Druck um?
Jihde: Der Druck war schon immer da, von mir erwartete man immer Tore. Und zwar nicht nur eines, sondern eher zwei, drei oder vier in jedem Spiel. Das war also nicht neu für mich. Wenn ein Bachmann in einem Spiel vier Tore schiesst, kann er sich darüber freuen - wenn es beim nächsten Mal nicht klappt, ist das nicht so schlimm. Wenn ich keine Tore schiesse, werde ich kritisiert. Das wirst du auch kennen, nehme ich an.
Hofbauer: Wenn wir verlieren, habe ich schlecht gespielt - sagt man. Zum Beispiel im WM-Halbfinal.
Jihde: Dabei hast du eine ähnliche Rolle wie Anders Hellgard und bist mehr Playmaker als reiner Skorer. Bei mir will man nur Tore sehen. Ich bin mit Pixbo zweimal Meister geworden, habe im Final aber kein Tor erzielt - dafür aber meine Mitstürmer, unter anderem auch weil ich die Gegenspieler auf mich gezogen habe. Trotzdem meinte sogar der Pixbo-Präsident nach den Finals, ich hätte schlecht gespielt.
Hofbauer: Mich hat man am Europacup auch kritisiert - dafür hat Simon Zurflüh neben mir die Tore gemacht, was mich sehr gefreut und dem Team geholfen hat.
Jihde: Eben. Manchmal beneide ich einen Christian Hellström - er muss nicht in jedem Spiel treffen, um ein Held zu sein. Ich weiss auch nicht genau, wie er das macht.
Hofbauer: Warum sehen die Tore bei dir immer so einfach aus?
Jihde: Ich weiss nicht, ich spiele natürlich viel und weit vorne und komme so zu vielen Chancen vor dem Tor. Aber in dieser Saison bin ich ja der Assistkönig (Jihdes 37 Assists sind der Liga-Rekordwert, die Redaktion) - ich habe fast mehr Zuspiele gegeben als Tore erzielt. In Schweden fragt man sich deswegen schon, ob ich krank geworden sei, ob mir die Alpenluft nicht bekomme.
Hofbauer: Der Name Jihde steht vor allem für Punkte und Punkte-rekorde. Dies kann aber nicht immer so gewesen sein, wann hattest du ein richtiges Tief?
Jihde: Die Saison 97/98 mit Pixbo war perfekt, wir haben nur ein einziges Spiel verloren. Danach wurde ich etwas faul, das hat sich sofort ausgewirkt. Während der WM 2000 in Norwegen sass ich prompt auf der Bank - ich habe geflucht, das war mir zuvor überhaupt noch nie passiert. Mein Bruder Peter meinte dann aber, dass der Nati-Trainer wohl recht habe, also begann ich wieder zu arbeiten.
Hofbauer: Du bist bei GC sofort zum Captain gemacht worden, als du angekommen bist. Das ist ziemlich ungewöhnlich, zumal du kein deutsch gesprochen hast.
Jihde: Das war wohl in erster
Linie eine Imagekampagne. Ich weiss ja nicht genau, was vorher gelaufen ist, aber GC scheint
nicht den besten Ruf gehabt zu haben. Da kam ich wohl gerade richtig (lacht). Es ist überhaupt so, dass die «Stars» in der Schweiz mehr respektiert werden als in Schweden.
Hofbauer: Wie wirkt sich das aus?
Jihde: Ich merke zum Beispiel, dass sich einige Spieler in Zweikämpfen an der Bande gegen mich zurückhalten. Das verstehe ich nicht - alle Spieler in der NLA sind gut, sie müssten mehr Selbstvertrauen haben. Auch bei der Spielvorbereitung merke ich das - hier kümmert man sich fast mehr um den kommenden Gegner als um das eigene Spiel.
Hofbauer: Ja, dann sieht man bei den Videozusammschnitten nur die besten Szenen des Gegners ...
Jihde: ... genau. Bei Pixbo war das ganz anders. Wir haben fast nur über unser Spiel gesprochen.
Hofbauer: Mit Wiler haben wir gegen Pixbo vor vier Jahren noch 1:11 verloren und keine Sekunde an unsere Chance geglaubt ...
Jihde: ... dabei haben wir damals zuvor sogar noch eine Lauftrainings-Einheit gemacht.
Hofbauer: Das war das Deprimierendste daran.
Jihde: Aber am Europacup sah es ja dann ganz anders aus. Und an der World Challenge haben wir uns mit der Nati sogar mehr auf die Schweiz fokussiert als auf Finnland.
Hofbauer: Das haben wir gespürt - die Schweden waren schon beim Einspielen bei der Sache wie noch nie gegen uns. Auch die Finnen treten nun anders an gegen uns, seit wir sie an der WM geschlagen haben. Unter Urban Karlsson
haben wir den Respekt abgelegt, seither treten wir mit grossem Selbstvertrauen an und konzentrieren uns auf unsere Stärken.
Jihde: Ich war sicher, dass es im Schluefweg einen WM-Final Schweiz - Schweden geben würde. Schade. Gegen die Tschechen habe ich dann keine Sekunde daran gezweifelt, dass wir gewinnen. Auch da habe ich übrigens im
Final wieder kein Tor geschossen. Trotzdem bin ich zum MVP gewählt worden - eigentlich hättest du das sein müssen.
Hofbauer: Dafür hätten wir wohl eine Medaille holen müssen...
Jihde: Mag sein. Wie waren eigentlich für dich die Wochen und Monate nach der WM?
Hofbauer: Es waren zwiespältige Gefühle. Für mich persönlich war es eine traumhafte Woche, vielleicht das Beste, das mir je passiert ist - und wir hatten den perfekten Block, so etwas habe ich noch nie erlebt. Aber der vierte Rang war eine totale Enttäuschung. Und
natürlich gab es die Kritik, im entscheidenden Spiel gegen Tschechien versagt zu haben.
Jihde: Der perfekte Block klingt gut. Ich hoffe, dass ich den an meiner Heim-WM auch haben werde.
Hofbauer: Hast du in den zwei Jahren weg von der heimischen Liga etwas verpasst?
Jihde: Ich denke, dass der gewählte Zeitpunkt für den Wechsel perfekt war, auch mit der WM in der Schweiz. Ich habe von meiner Popularität jedenfalls nichts eingebüsst. Neun von zwölf Elitserien-Vereinen wollten mich für nächste Saison haben - dabei bin ich doch schon 29 Jahre alt.
Hofbauer: Dann waren die «Blitz-Aktionen» mit dem Smart also keine Kampagne, um im Gespräch zu bleiben? (grinst schelmisch)
Jihde: Das war wirklich Pech. Ich war grad am Handy mit einem Journalisten vom «Aftonbladet», als ich geblitzt wurde - das habe ich ihm auch gesagt. In der Zeitung stand dann plötzlich nichts mehr über das Sportliche, nur noch über den «Blitz»... Dann rief auch noch Radio 24 an. Da habe ich spasseshalber gesagt, dass ich nun wegen der Busse meinen Eltern keine Weihnachtsgeschenke kaufen könne. Ich wusste nicht, dass das aufgenommen wurde - ich habe nicht schlecht gestaunt, als ich um 17 Uhr plötzlich in den Nachrichten kam. Im Tennisclub war ich ab sofort «Der schnelle Schwede».
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