09.
2018
Alles neu für Metzger
Von der Spielecke im Kindergarten Bassersdorf über die Wohnung in Kloten bis hin zum sportlichen Engagement für das NLA-Spitzenteam der Kloten-Dietlikon Jets - die Ostschweizerin Nina Metzger hat ihr Leben im Zürcher Unterland komplett neu eingerichtet.
Sie schmunzelt, als hätte sich die fremde Frau, die abwartend vor ihr am Tisch steht, einen kleinen Scherz erlaubt. Sie könne den Aschenbecher gerne haben, erklärt Nina Metzger freundlich, sie rauche nicht. Und noch während sie es sagt, muss sie lachen, weil ihre Stimme dabei so heiser klingt. Sie habe die letzten drei Wochen viel geredet, erklärt sie, einen Satz gesagt, und ihn ein dutzend Mal wiederholt für die zwölf Kinder, die seit diesem Schuljahr in Bassersdorf zu der frisch ausgebildeten Kindergärtnerin mit den langen braunen Locken und dem sonnigen Lächeln in die Klasse gehen.
Nina Metzger sitzt an einem Imbissstand am Flughafen und erzählt von den vielen Veränderungen in ihrem Leben. Seit wenigen Wochen wohnt die 22-jährige Toggenburgerin in Kloten. Die Stadt ist ihr neuer Knotenpunkt, von hier aus erreicht sie sowohl ihren Arbeitsort als auch die Trainingshalle in Dietlikon mit dem Fahrrad. Am Flughafen hält auch der Schnellzug Richtung Ostschweiz, er bringt sie nach Hause zu den Eltern nach Niederwil, wo sie aufgewachsen ist. Und manchmal reicht die Zeit auch für einen Kurzbesuch bei ihren ehemaligen Teamkolleginnen von Waldkirch-St. Gallen, von denen viele in den vier Saisons, in denen sie zusammen gespielt haben, mehr geworden sind als das. Dass sie ihre Eltern und auch ihre Freunde vermisst, ändert für Nina Metzger aber nichts daran, dass sich der Umbruch in ihrem Leben gut anfühlt. «Wieso auch nicht?» fragt sie. «Ich habe es selbst so entschieden. Und es ist alles so, wie ich es haben wollte.»
Gut spekuliert
Noch bevor die sportliche Zukunft geregelt war, hatte Nina Metzger ihren ersten Arbeitsvertrag in der Tasche, «eine Traum-Stelle», schwärmt sie. Der Kindergarten in Bassersdorf wurde neu eröffnet und sie durfte ihren Arbeitsort von der Babyecke bis hin zum Lehrerinnenpult selbst einrichten. Sie wusste, so etwas gibt es nicht oft, schon gar nicht für eine frischgebackene Kindergärtnerin. Nina Metzger packte ihre Chance und spekulierte darauf, dass es mit den Kloten-Dietlikon Jets auch noch klappen würde. Das Thema ist ihr offensichtlich ein bisschen unangenehm, sie lächelt verlegen, will nicht anmassend wirken. Denn eigentlich spricht Nina Metzger lieber über andere als sich selbst, schwärmt von der Spielintelligenz und Technik der neuen Söldnerin in Dietlikon, Natalie Martinakova, mit der sie während der Vorbereitung viel zusammen gespielt und gut harmoniert habe.
Dabei dürfte sie ruhig aussprechen, dass sie mit einer Verpflichtung beim Vize-Schweizermeister rechnen konnte. Jets-Trainerin Simone Berner hatte die flinke Flügelstürmerin schon länger auf dem Radar und sie bereits vor zwei Jahren einmal zu einem Probetraining eingeladen. Doch der Schritt schien Nina Metzger damals noch zu gross: «Ich war ja noch nicht mal Stammspielerin in der NLB.» Diesen Sommer aber wagte sie ihn und wechselte gemeinsam mit ihrer besten Freundin Natalie Schürpf zu den Jets. Die beiden Unterstufenlehrerinnen haben zusammen an der Pädagogischen Hochschule in Rorschach studiert und sind 2017 mit Waldkirch-St. Gallen (Wasa) in die höchste Liga aufgestiegen. In Kloten teilen sie sich nun eine Wohnung, ins Training aber fährt Metzger derzeit alleine, denn Schürpf hat sich während der Saisonvorbereitung am Czech Open einen Kreuzbandriss zugezogen und wird noch länger ausfallen.
Wunschtraum wird wahr
Der Abschied von WaSa fiel den beiden Stürmerinnen besonders schwer, weil der sofortige Wiederabstieg am Ende ihrer Ära das Adieu mit vielen negativen Emotionen verband. «Es war schlimm, das Team an diesem Tiefpunkt zu verlassen. So wollte ich eigentlich nicht gehen», sagt Nina Metzger, deren Wechsel zu den Kloten-Dietlikon Jets zu diesem Zeitpunkt aber schon beschlossene Sache war. Einmal für dieses Spitzenteam zu spielen, hatte sich schon das kleine Mädchen gewünscht, das mit dem Vater ab und an ein Spiel der Gelb-Blauen besuchen durfte.
Was sie in der Primarschule noch als realistisches Ziel ins Auge fasste, erschien ihr dann Jahre später, als sie merkte, «was es alles braucht, um auf diesem Niveau zu spielen», als eine Utopie, die erst in jenem Moment wieder zu einer Möglichkeit mutierte, in dem sie erstmals in der NLA für Wasa das Topskorer-Shirt trug: «Da hat sich der Gedanke, dass es vielleicht ja doch klappen könnte, wieder festgesetzt», erinnert sie sich.
Captain unter Jungs
Nina Metzger hat die Verantwortlichen der Jets mit ihrer Schnelligkeit und dem guten Spielverständnis auf sich aufmerksam gemacht. «Sie ist frisch, flink und frech und hat einen guten Torriecher», sagt etwa Antti Uimonen, Sportchef der Jets-Frauen. Zudem hat ihn ihr Zweikampfverhalten positiv überrascht. Als eher feingliedrige Spielerin weiche sie den Duellen nicht etwa aus, sondern wisse die Situationen schnell und clever zu lösen. Dafür hat die Unihockeyschule im Toggenburg gesorgt.
Als Neunjährige folgte Nina Metzger ihrem jüngeren Bruder Nando in die Halle und spielte bis zur U15 mit den Junioren von United Toggenburg. «Voll akzeptiert» sei sie gewesen, zwischenzeitlich Teamcaptain und pragmatisch: »Dass ich mich an den Spielen meistens auf dem WC umziehen musste, fanden andere schlimmer als ich selbst», sagt sie, und zuckt lachend die Schultern: »Es ging nunmal nicht anders.» Das kompetitive Spiel der Jungs habe sie gelehrt, sich immer von Neuem herauszufordern, und ihr einen starken Siegeswillen mitgegeben. Diesen braucht es heuer in Dietlikon auch unbedingt. Ansonsten wird es kaum gelingen, Piranha Chur den Titel wieder abzujagen. Dafür aber ist eine wie Nina Metzger ins Unterland gekommen.
Quelle: Zürcher Unterländer, von Marisa Kuny