05.
2020
"Möchte das Ende nicht mehr überbewerten"
Mit Seraina Ulber hat eine der erfolgreichsten Schweizer Unihockey-Spielerinnen der letzten zehn Jahre ihre Karriere beendet. Nach dem durch den Corona-Virus erzwungenen Saisonabbruch musste sie einen schon feststehenden Entschluss überdenken. Im zweiteiligen Interview erklärt die 29-Jährige, warum sie sich nicht umentschieden hat.
Seraina Ulber ist immer noch etwas emotional, als wir uns mit ihr über ihre Karriere und dessen abrupten Ende unterhalten. Sie hat nach der Bekanntgabe ihres Rücktritts Unmengen von Rückmeldungen erhalten, die sie berühren. Fans hatten darauf gehofft, dass Ulber ihren feststehenden Entschluss vom Rücktritt aufgrund der Corona-Krise noch einmal überdenkt. Nach einer Bedenkzeit hat die 29-Jährige aber definitiv entschieden, ihren zurechtgelegten Plan durchzuziehen.
So stand Ulber in diesen Tagen ein letztes Mal im Rampenlicht. Interviews da, Interviews dort- die Bündnerin erledigte diese Aufgabe mit einer Souveränität und erfrischenden Ehrlichkeit, die man von ihr gewohnt ist. Auch mit uns hat sie kein Blatt vor den Mund genommen. Aus dem langen Gespräch ist ein zweiteiliges Interview entstanden.
Seraina Ulber, wie fühlst du dich, nach dem du definitiv den Entschluss gefällt hast, deine Unihockey-Karriere zu beenden
Seraina Ulber: Es ist immer noch alles sehr emotional. Nachdem der Entscheid offiziell kommuniziert wurde, erreichte mich eine Welle überwältigender Reaktionen. Ehemalige Teamkolleginnen und Gegenspielerinnen, Trainer, Funktionäre und Fans meldeten sich bei mir und drückten ihr Bedauern aber auch ihre Dankbarkeit aus. Insgesamt waren es wohl um die 150 persönliche Nachrichten - ich brauchte Tage, um sie alle abzuarbeiten. Auch auf den verschiedenen Social-Media-Kanälen wurden viele Kommentare hinterlassen, von Leuten die ich zum Teil gar nicht kenne. Das alles berührt mich immer noch sehr und fühlt sich schön an.
So viele Reaktionen erhalten nach ihrem Rücktritt nicht alle Spieler und Spielerinnen. Es zeigt aber, dass du in deiner Karriere nicht viel falsch gemacht hast.
Ja, und das wird mir erst jetzt richtig bewusst. Vorher nimmt man das gar nicht so wahr und ist eher auf das Teamleben fokussiert. Ich hätte nie gedacht, dass sich so viele Leute mit meiner Karriere auseinandersetzen - das erfüllt mich mit enormem Stolz. Unter den Nachrichten hatte es auch rührende Geschichten.
Zum Beispiel?
Berührt hat mich eine Nachricht unserer Torhüterin Jill Münger - um nur ein Beispiel von vielen zu nennen. Sie schrieb mir, dass es sie inspiriert habe, wie ich mich nach meiner Verletzung zurückkämpfte. Das habe ihr bei ihrer Verletzung viel Mut gegeben. Ausserdem verglich sie mich mit Sergio Ramos und bezeichnete mich als Vorbild. Das war für mich unglaublich emotional.
Was war die aussergewöhnlichste Nachricht, die du erhalten hast?
Bekanntlich bin ich ein grosser HCD-Fan. Dementsprechend war ich überrascht, als ich von der Fanpage einen Kommentar erhielt und der Autor meinte: was Reto von Arx im Eishockey war, sei ich im Unihockey gewesen. Das kam für mich einem Ritterschlag gleich, wenn man weiss, dass "RvA" das grosse Idol meiner Kindheit war.
Die Geschichte ging ja noch weiter...
Ja, als ich von SRF zum Insta-Talk mit Lukas Studer eingeladen wurde, überreichte mir dieser eine Videobotschaft von Von Arx. Ich war einfach nur noch sprachlos.
Eigentlich war ja zum Vornerein klar, dass deine Karriere Mitte Mai beendet sein würde.
Der Plan war so, dass die Saison 2019/2020 die letzte mit der Nationalmannschaft und mit Piranha Chur sein wird.
Aber dann kam der Corona-Virus und du hast alles noch einmal überdacht.
Die Saison fing mit der Verletzung im Supercup überhaupt nicht so an, wie ich sie mir vorgestellt hatte. Schon da dachte ich: ok, wenn ich jetzt die Heim-WM verpasse und erst im Februar wieder spielen kann... dann müsste ich vielleicht noch einmal über die Bücher. Aber ich erholte mich erstaunlich schnell von der Verletzung, durfte die unvergessliche Heim-WM in Neuenburg bestreiten und war auch beim Cupsieg Ende Februar dabei. So gesehen lief nach dem Horror-Start plötzlich wieder alles perfekt.
Bis zum abrupten Saisonende...
Zuerst einmal musste ich den Saisonabbruch verdauen. Im ersten Moment verfiel ich in eine richtiggehende Schockstarre, weil ich die von uns gesteckten Ziele davonschwimmen sah. Gedanken über mein persönliches Schicksal liess ich gar nicht erst heran. Erst später realisierte ich, dass es das vielleicht auch für mich gewesen sein könnte. Ich wollte mir aber nochmals Zeit nehmen, um einen definitiven Entscheid zu fällen.
Wann war es soweit?
In den ersten Wochen war ich hin und hergerissen. Ich wollte meine Karriere nicht einfach so - ohne letztes Spiel, ohne letztes Training, ohne Verabschiedung von meinen Teamkolleginnen - beenden. Vielleicht noch einmal Superfinal, noch einmal Cupfinal oder noch einmal Champions Cup spielen, das waren Sachen, die für ein Weitermachen sprachen. Aber irgendeinmal sass ich auf dem Sofa und sagte aus einem Impuls heraus zu meinem Freund: „Ich glaube, ich höre definitiv auf!" Ab diesem Zeitpunkt änderte ich meine Meinung nicht mehr.
Was sprach denn schlussendlich für den Rücktritt?
Klar habe ich mir den Schluss meiner Karriere ganz anders vorgestellt. In der SWISS-Arena mit dem Kübel. Aber ich möchte das Ende nicht mehr überbewerten. Viel mehr schätze ich die unglaublich vielen schönen Momente, die ich erleben durfte. Ich stand oft in entscheidenden Spielen auf dem Feld und konnte meistens auch etwas zum Erfolg beitragen. Das ist alles andere als selbstverständlich. Und eine Garantie, dass in einer weiteren Saison nochmal alles gut herausgekommen wäre, gibt es so oder so nicht.
Im zweiten Teil des Interviews spricht Seraina Ulber über ihre Pläne nach der Karriere, verrät, wieso es nie zu einem SSL-Engagement kam und erzählt, was sie am meisten am Unihockey vermissen wird.
Anlässlich der Heim-WM in Neuenburg bestritt Seraina Ulber ihr 100. Länderspiel. Wir haben die ehemalige Nationalspielerin dazumal gebeten, exklusiv für uns noch einmal auf ihre Länderspiel-Karriere zurückzublicken. Zum Artikel "100 Mal Bunti" geht's hier.