02.
2018
Mit Leidenschaft Tore schiessen
Corin Rütttimann hat ihre ehemalige Piranha-Teamkollegin Mirca Anderegg als erfolgreichste Skorerin im Nationalteam abgelöst. "Die Südostschweiz" hat sich in der letzten Woche mit den beiden zum Interview getroffen und über ihre Karrieren, ihre Zielstrebigkeit und ihre Leidenschaft gesprochen.
Wissen Sie noch, wie und wann Sie sich kennengelernt haben?
Mirca Anderegg: Ich nehme an, dass Corin irgendwann zu uns ins Piranha-Training gekommen ist.
Corin Rüttimann: Nein, ich glaube, wir haben uns bei einer Nationalmannschaftszusammenkunft kennengelernt.
Anderegg: Stimmt. Ich war zuerst beim UHC Dietlikon, und erst nachher bin ich zu Piranha Chur zurückgekommen.
Rüttimann: Ich weiss, dass unser erstes gemeinsames Piranha-Training im Giacometti in Chur war.
Was sind die schönsten Erinnerungen, die Sie teilen?
Anderegg: Da gibt es zwei. Einerseits der erste Meistertitel. Andererseits das Entscheidungsspiel um den Meistertitel gegen Dietlikon zu Hause in Chur.
Rüttimann: Genau, fünf Minuten vor Schluss waren wir 5:7 hinten und die Zeit lief uns langsam davon. Plötzlich gelang Nathalie Stadelmann ein Treffer von der Mittellinie und wir wussten, dieses Spiel drehen wir noch.
Anderegg: Die Halle ging mit und wir konnten das Spiel noch zu unseren Gunsten drehen. Das war mein schönstes Spiel mit Piranha Chur.
Sie sind sowohl vom Alter als auch vom Typ her unterschiedlich. Haben Sie sich als Teamkolleginnen verstanden?
Anderegg: Ja, ich habe immer gerne mit Corin zusammengespielt.
Rüttimann: Ja, ganz klar auch von meiner Seite.
Corin Rüttimann, in einem Interview haben Sie einmal gesagt, dass Sie von Andereggs Spielweise profitieren. Habt ihr euch auf dem Feld gut ergänzt?
Rüttimann: (überlegt).
Anderegg: Ja, wir verstanden uns auf dem Feld. Sie ist halt immer viel gerannt und hat Backchecking gemacht. Da habe ich als Flügelspielerin profitiert.
Rüttimann: Mirca war immer schon mein Vorbild, und ich habe zu ihr hochgesehen. Ich weiss noch, als Mark van Rooden bei uns als Trainer war, habe ich mir gewünscht, mit Mirca in einer Linie zu spielen. Dass er uns zusammen einteilte, hätte ich nie gedacht. Dementsprechend freute ich mich.
Anderegg: Wir hatten eine tolle Zeit. Bei uns hat es nicht nur spielerisch gepasst. Bei Corin war immer der Wille vorhanden, mehr zu leisten. Bei ihr kommt Unihockey an erster Stelle. Darum hat sie es auch so weit geschafft. Das hat man von Anfang an gemerkt. Nicht viele entwickeln diesen Ehrgeiz.
Apropos Ehrgeiz. Hätten Sie mit 18 Jahren gedacht, dass Sie eine solche Karriere vor sich haben?
Rüttimann: Nein, niemals.
Anderegg: Ach komm, ich habe es dir doch immer gesagt.
Rüttimann: Nein, wie gesagt: Mirca war mein Vorbild. Ich bin damals in die Nationalmannschaft gekommen und hatte Respekt. Bei Mirca hatte ich von Beginn weg das Gefühl, gefördert zu werden.
Haben Sie die Karriere von Rüttimann weiter mitverfolgt, nachdem sich Ihre Wege getrennt hatten?
Anderegg: Natürlich, auch als sie in Schweden war, habe ich ihre Spiele im Internet so gut es ging mitverfolgt.
Rüttimann: Und ich habe jeweils SMS geschrieben, wenn ich Tipps brauchte.
Anderegg: Die Unihockeyszene ist nicht sehr gross. Man bekommt vieles mit.
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2013 feierte Mirca Anderegg mit Piranha ihren letzten Titel. (Bild: Damian Keller)
Mirca Anderegg, Rüttimann hat Sie im Dezember an der Weltmeisterschaft als Schweizer Allzeit-Topskorerin überholt und führt die Tabelle nun mit 83 Toren und 45 Assists an.
Rüttimann: Sorry, Mirca (schmunzelt)!
Kommt da auch Eifersucht auf?
Anderegg: Nein, auf keinen Fall. Ich habe ehrlich gesagt nicht gewusst, dass ich abgelöst worden bin. Es war mir bewusst, dass dieser Rekord nicht ewig hält, zumal heute mehr Turniere und Qualifikationsspiele ausgetragen werden, was aber für das Unihockey nur von Vorteil ist.
Rüttimann: Ich habe an der WM auch noch nicht realisiert, dass ich den Rekord gebrochen habe. Dass Mirca die Liste so lange angeführt hat, zeigt ihre enorme spielerische Qualität. Früher hatte man nicht viele Partien gegen Gegner, die man zweistellig gewinnt. Das alleine beweist, wie gut sie war.
Anderegg: Ich mag ihr den Rekord gönnen. Corin gibt immer alles und hat es verdient, dieses Ranking anzuführen.
Corin Rüttimann, Anderegg hat dafür den Weltmeistertitel mit der Schweiz und den Europacup mit Dietlikon gewonnen. Diese Titel streben Sie bestimmt auch an, oder?
Rüttimann: Mirca war eine der erfolgreichsten Spielerinnen. Diese Titel sind die verdiente Auszeichnung für ihre Arbeit. Ich weiss nicht, ob der WM-Titel momentan realistisch ist. Der Abstand zu Schweden wird immer grösser. Dass ich den Europacuptitel bisher nie gewinnen konnte, tut dagegen weh.
Anderegg: Corin hat dafür den schwedischen Titel geholt - und ich nicht. Im Sport ist immer alles möglich. Aber klar, der Abstand zu Schweden vergrössert sich momentan. Die Schweiz kann noch so viel unternehmen, wenn das schulische System sich nicht ändert, können wir mit den Schwedinnen nicht mithalten.
Sie wissen, wie man Top-Nationen schlägt. Können Sie sich noch an den WM-Titel 2005 erinnern?
Anderegg: Wir hatten uns gut auf die klimatischen Bedingungen in Singapur eingestellt. Zudem hatten wir ein motiviertes und breites Kader. Gleichzeitig kam die Prise Glück dazu. Mir persönlich ist der WM-Titel aber weniger wichtig als die beiden Europacuptitel, da wir dafür mehrere Topteams aus Schweden und Finnland schlagen mussten. Im WM-Final mussten wir zudem nicht gegen Schweden spielen, da Finnland die Favoritinnen im Halbfinal besiegt hatte, weshalb ich den Titel etwas relativiere. Ein Spiel wie den WM-Final zu gewinnen, ist immer auch Glück. Die Qualität zeigt sich mehr, wenn man innert kurzer Zeit drei Top-Klubteams schlägt.
Wie weit ist Piranha Chur von einem solchen Titel entfernt?
Rüttimann: Um den Titel gewinnen zu können, muss man am schwedischen Meister vorbei und wie man an der letzten WM sehen konnte, ist Schweden momentan einige Schritte voraus. Im Sport ist natürlich alles möglich, aber es fordert und braucht auch sehr viel.
Anderegg: Um erfolgreich zu sein, braucht es 25 Spielerinnen, die ein Ziel vor Augen haben.
Was haben Sie für Erfahrungen aus dem Ausland mitgenommen?
Rüttimann: Ich wurde selbstständig, weil ich nicht mehr ständig meinen Eltern anrufen und sie um Rat fragen konnte. Sportlich profitierte ich davon, dass ich während vier Jahren mit den Besten trainieren und auf einem hohen Niveau spielen konnte.
Anderegg: In Schweden habe ich schnell gemerkt, dass im Training eine grössere Härte herrscht. In der Schweiz hatte ich öfters Knatsch, weil ich im Training ranging. Es fehlte die Intensität in den Trainings.
Macht diese Intensität den Unterschied zu den Topnationen aus?
Anderegg: Ja, klar. Gegen Schweden bekommen wir immer zu Spielbeginn Tore, weil wir uns von dieser Intensität überrollen lassen.
Rüttimann: In Schweden kann man auch gegen den Gegner aus der unteren Tabellenhälfte verlieren. In der Schweiz trifft man regelmässig auf Gegner, bei denen man nicht 100 Prozent bereit sein muss, um zu gewinnen.
Anderegg: Und in Schweden gibt es zwar technisch versierte Teams, aber man merkt, dass alle Mannschaften physisch top sind. Hier fehlt mir der Wille bei vielen Mannschaften, mehr zu investieren. Rüttimann: Der Stellenwert von Unihockey ist in unserem Land leider nicht so hoch wie im Norden. Meine Arbeit bei Würth International gefällt mir extrem und ich versuche, immer alles so gut wie möglich zu planen, dass ich sowohl bei der Arbeit als auch im Sport das Optimum herausholen kann. Es ist aber nicht immer einfach, alles unter einen Hut zu bekommen.
Anderegg: Trotzdem glaube ich, dass es Spielerinnen in unserer Liga gibt, die das nötige Talent hätten, den Sprung ins Ausland aber nicht wagen.
Können Sie sich vorstellen, so lange wie Mirca Anderegg zu spielen?
Rüttimann: (lacht). In welchem Alter hast du aufgehört?
Anderegg: Mit 32. Eigentlich kann man noch länger spielen. Bei mir hat es einfach im Kopf nicht mehr gestimmt.
Rüttimann: Ich denke gar nicht so weit in die Zukunft. Ich spiele, solange es mir Spass macht. Mein Ziel ist es schon, den Europacup auch einmal zu holen.
Zum Schluss eine letzte Frage: Was wollten Sie Ihre Allzeit-Topskorer-Vorgängerin schon immer fragen?
Rüttimann: Wann spielst du wieder bei Piranha Chur?
Anderegg: Wenn Piranha Chur eine Anfrage stellt, würde ich für ein Spiel zurückkommen (lacht).
Quelle: "Die Südostschweiz", von Manuela Fetz