01.
06.
2006
NLA Männer | Autor: Schweizerischer Unihockeyverband

Der schwerwiegendste Entscheid unserer Karriere

Das von den Schweizer Schiedsrichtern Baumgartner/Kläsi geleitete WM-Finalspiel beinhaltete so ziemlich alles, was ein Unihockey-Spiel überhaupt beinhalten kann. Dementsprechend hoch waren die Anforderungen an die Schiedsrichter. Diese ziehen – trotz Kritik von Seiten der unterlegenen Finnen – ein positives Fazit.
Der schwerwiegendste Entscheid unserer Karriere

Das WM-Finale 2006 zwischen Titelverteidiger und Gastgeber Schweden und dem „ewigen Herausforderer“ Finnland war von der Spannung und von der Intensität her kaum zu überbieten: Packende, hart geführte Zweikämpfe, schwierig zu entscheidende Situationen, viele Tore, ein lange Zeit führendes Gastteam, eine Verlängerung ... und am Schluss dann doch das „obligate Bild“ mit jubelnden Schweden. Dass in diesem Spiel gerade auch die Schiedsrichter aufs Äusserste gefordert waren, versteht sich von selbst.

Baumgartner
Für Thomas Kläsi und Thomas Baumgartner war der WM-Final natürlich der Höhepunkt ihrer bisherigen Karriere: „Wir haben während der letzten vier Jahre stets auf dieses Spiel hingearbeitet und unzählige Stunden dafür investiert.“ Ihr Gefühl vor dem Match beschreiben die beiden Schiedsrichter als „angespannt, aber doch locker“. „Als wir in die mit über 12500 Zuschauern gefüllte Arena einliefen, genossen wir die Stimmung, doch nach dem Anpfiff war alles, was rund um das Feld herum abging, vergessen, und wir fokussierten uns voll und ganz auf das Spiel“, so Thomas Baumgartner.

„Das Spiel war hart geführt, und wir setzten die Linie bewusst sehr hoch an, hatten jedoch während des ganzen Spiels ein sehr gutes Gefühl“, gaben die beiden Schweizer nach Spielschluss zu Protokoll. „Wir hatten viele schwierige Entscheide zu fällen: Zwei Strafstösse, ein aberkanntes Tor der Schweden, welches – so scheint es zumindest nach Analyse der Videobilder – wohl doch korrekt gewesen wäre, und schliesslich in der Verlängerung jene Szene, wo wir den schwerwiegendsten Entscheid unserer Karriere treffen mussten.“

Diese – wie sich herausstellen sollte, matchentscheidende – Situation beschreiben Baumgartner/Kläsi wie folgt: „Es war ein Gerangel zwischen dem Schweden Quist und dem Finnen Salminen. Kläsi stand sehr nahe und versuchte die Beiden zu trennen. Dadurch sah er nicht alles, was passierte. Boumi aber sah, dass Salminen – als das Gerangel eigentlich bereits vorbei war und die beiden Spieler im Begriff waren, aufzustehen – plötzlich Quist an den Haaren zu Boden riss. Er kam deshalb zu der Situation hinzu. Da Boumi zuerst die Rote Karte zeigen wollte, diskutierten wir kurz, beliessen es dann aber doch bei einer Zweiminutenstrafe gegen den Finnen. Uns war natürlich bewusst, dass diese Strafe das Spiel entscheiden konnte, doch hier keine Strafe zu geben, wäre schlicht und einfach falsch gewesen.“ Die TV-Bilder zeigen, dass Salminen für seinen „Ausraster“ mit „nur“ einer Zweiminutenstrafe eigentlich zu glimpflich wegkam.

Während dem anschliessenden schwedischen Überzahlspiel erzielten die Schweden – knapp zwei Minuten vor Ende der Verlängerung – das Siegtor zum 7:6. Riesenjubel auf der einen Seite, gewaltiger Frust auf der anderen – und letzterer traf im ersten Moment vor allem die Schiedsrichter. Thomas Baumgartner dazu: „Wenn Blicke töten könnten... Einige Spieler führten sich daneben auf.“

Nach dem Spiel blieben die beiden Schiedsrichter zuerst einmal noch eine Stunde in der Garderobe sitzen, um das Geschehene verarbeiten zu können. „Einige Schiedsrichterfreunde und Observer kamen vorbei und gratulierten uns. Schön war für uns insbesondere, dass der finnische Observer sich von unserer Leistung begeistert zeigte. Danach erfasste uns aber eine grosse Leere und mentale Erschöpfung.“

Mit einigen Stunden Abstand und nach einem guten Nachtessen waren die Lebensgeister jedoch wieder geweckt: „Wir ziehen ein sehr positives Fazit von dieser WM. Wir konnten just im richtigen Moment unsere Leistung abrufen und auf Topniveau pfeifen. Wir sind stolz, unser Land im Finale vertreten zu haben, und wir sind bereits wieder motiviert, um die nächsten Aufgaben in Angriff zu nehmen. Das Finalspiel werden wir sicher in den nächsten Tagen noch auf Video analysieren und unsere Schlüsse draus ziehen. Trotz der am Schluss etwas komischen Eindrücke und einiger kritischer Stimmen war es unglaublich schön, dabei gewesen zu sein. So macht es Spass, Schiedsrichter zu sein!“

(Verfasser: Schiedsrichterkommission, Swiss Unihockey)

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