07.
2006
"Eine lehrreiche Zeit"
Der Interviewtermin mit dem Naticoach war schon länger fixiert, dass wir uns aber über seinen Rücktritt unterhalten, kam überraschend. „In den fünf Wochen seit die Weltmeisterschaft vorbei ist, habe ich mir sehr viele Gedanken gemacht. Ich kam zum Schluss, dass der Aufwand für mich persönlich zu gross wurde, um alles so umzusetzen, wie ich es mir vorstelle.“ Wolf arbeitet vollamtlich als Leiter von Graubünden Sport (vormals Sportamt) und ist dort in diversen Projekte federführend involviert. Seine Ansprüche an sich selber sind hoch. Bewusst wurde ihm dies in der Vorbereitung auf die WM in Schweden: „Der Aufwand für die Organisation des WK’s in Magglingen wurde zum Beispiel so gross, dass ich mich nicht mehr mit voller Kraft auf das Kernthema, die Arbeit mit der Mannschaft, konzentrieren konnte.“ Dass diese profimässige Vorbereitung in der Eidgenössischen Sportschule zu Stande kam, ist seinem Einsatz zu verdanken. Daneben wurden auch weitere Neuerungen (wie z.B. die professionelle Ernährungsberatung) aufgegleist.
Positive Energie
Der Preis für seinen generösen Einsatz war hoch, rund 30'000 km mehr stehen auf dem Tacho seines Autos. „Ich musste in dieser Saison fünf bis sechs Mal in Bern übernachten, damit ich in der Region beide Wochenendspiele sehen konnte. Das zieht natürlich lange Sonntage nach sich. Das Starbucks in Bern kenne ich mittlerweile sehr gut“, wie er schmunzelnd ausführt. Er verneint, dass die Lösung mit einem Nationaltrainer im Nebenamt gescheitert ist: „Es war einfach mit meiner persönlichen beruflichen Position zuviel. Der Zentralvorstand hätte vor zwei Jahren lieber eine Teilanstellung beim Verband gesehen, doch dies liess mein Arbeitgeber nicht zu.“ Bestärkt in seinem Rücktritts-Entschluss haben ihn auch die Zeichen seiner bisherigen Assistenten Sascha Brendler und Peter Düggeli, die gerne seine Arbeit weiterführen möchten. „So sollte die Kontinuität in der Herrennati gewährleistet sein.“ Dass die Arbeit in einem Trainerteam mit drei starken Persönlichkeiten anspruchsvoll ist, war sich Wolf bewusst. „Reibungslos verlief unsere Arbeit sicher nicht, wir haben uns oft sehr lange unterhalten. Aber wir verstehen uns persönlich immer noch sehr gut, die ständige Auseinandersetzung unter drei potentiellen Cheftrainern braucht einfach sehr viel Energie. Ich halte dennoch sehr viel von dieser Arbeitsform, es treibt einem immer wieder an.“ Wichtig erscheint ihm, dass weiterhin Clubtrainer im Coaching-Staff der Nationalmannschaft vertreten sind. „Man kommt einfach aus dem Rhythmus, wenn man nur alle paar Wochen oder Monate ein Spiel hat.“
Gute Feedbacks
Unter dem Strich zieht Wolf ein positives Fazit der letzten zwei Jahre: „Es war eine gute und sehr lehrreiche Zeit. Der grosse Aufwand hat sich ausgezahlt. Grössere Investitionen bringen auch mehr Ertrag.“ So waren auch die Feedbacks vom Bundesamt für Sport sehr positiv und eine Wiederholung des WK’s in zwei Jahren scheint so gut wie sicher. Der beste Moment an der Weltmeisterschaft war für ihn, als er spürte, dass die Mannschaft in den Tagen nach dem Norwegen-Spiel „zu fliegen begann.“ Vor dem letzten Gruppenspiel gegen Schweden hätten sie sich beinahe unschlagbar gefühlt, wie er weiter erklärt. „Wir wollten unseren Gegnern viele Fragzeichen aufwerfen, darum haben wir gegen Schweden auch einige Spieler geschont. Die einzige Änderung, die ich im Nachhinein machen würde, ist gegen Finnland im Halbfinal zurück auf die aggressive Manndeckung zu kommen. Sie haben uns noch nicht bewiesen, dass sie dagegen ein Mittel finden.“
Wechseltrick bekannt

Die spielentscheidende Szene mit dem finnischen Wechseltrick ärgert ihn natürlich noch heute. „Der Trick war uns bekannt, Sascha und Peter haben ihn in den Spieltrainings selber ausprobiert. Unser Reflex kam einfach zu spät und der Spielzug wurde natürlich auch perfekt ausgeführt.“ Die Gründe für den verlorenen Halbfinal sieht Wolf vor allem darin, dass die Finnen früh glückhaft in Führung gingen und danach den Schweizern wenig Chancen zuliessen. „Wir hatten dafür das Glück, im kleinen Final immer früh in Führung zu gehen.“ Genervt haben ihn einige organisatorische Punkte. „Es kann nicht sein, dass an einer Weltmeisterschaft die beiden Trainer vor dem Einschiessen auf die Suche nach Bällen gehen müssen, weil für zwei Teams nur rund 20 Stück bereit stehen.“ In die gleiche Kategorie geht, dass DVD’s von Spielen anstatt wie versprochen innert zwei Stunden erst nach zwei Tagen erhältlich waren oder plötzlich der sechste Offizielle auf der Tribüne Platz nehmen musste. Welche Funktion Wolf in Zukunft übernehmen wird, ist noch offen. „Ich gehe jetzt in die Ferien und warte ab, welche Angebote mir vorgelegt werden.“