05.
2020
"Ein Wechsel kam für mich nie in Frage"
Im zweiten Teil des Interviews erklärt Seraina Ulber, warum sie den Piranhas immer treu blieb und sie nie im Ausland spielte. Dazu spricht die ehemalige Stürmerin über ihre Zukunftspläne und verrät, ob sie sich ein Engagement als Trainerin vorstellen könnte.
So ein Karrieren-Ende wie du es erlebt hast, konnte niemand voraussehen. Wann wurde dir zum ersten Mal bewusst, dass es wegen der Corona-Geschichte zu einem vorzeitigen Saisonende kommen könnte?
Am 11. März als im Tessin alle Hallen geschlossen wurden und dort nicht einmal mehr trainiert werden konnte. Da ahnte ich, dass die Saison wohl abgebrochen werden würde. Auch als der Entscheid einen Tag später definitiv war, wollte ich das aber nicht richtig wahrhaben. Am Morgen danach fühlte sich mein Kopf an, als hätte mir jemand mit dem Hammer einen Zweihänder verpasst. Während Tagen liefen mir die Tränen nur so runter. Meine Mutter machte sich langsam ernsthafte Sorgen um mich - aber es wurde dann besser.
Gab es niemand, der dich davon überzeugen konnte, noch eine Saison anzuhängen?
Nein, und ich bin auch allen dankbar dafür, dass sie diese Entscheidung einzig und alleine mir überliessen. Ich wusste, dass mich die Mitspielerinnen und Trainer nicht ziehen lassen wollten. Aber sie haben nie Druck aufgebaut und mir gesagt, dass ich bestimmt die richtige Entscheidung fällen werde.
Nun gibt es kein Zurück mehr. Was wirst du am meisten am Unihockey vermissen?
Die vielen Erfolge waren sehr schöne Erlebnisse, aber es ist nicht unbedingt das, was mir am meisten in Erinnerung bleiben wird. Es sind viel mehr die unzähligen Gespräche und Diskussionen die vor und nach den Trainings geführt wurden oder die vielen Geschichten und Anekdoten, von denen es auch nicht gerade wenig gibt. Die beste Zeit hatten wir bei den Pirnahas und in der Nationalmannschaft jeweils auf Reisen an internationale Turniere. Da fühlten wir uns wie richtige Profis, haben wie eine Familie zusammengelebt und erlebten die unbezahlbaren Geschichten.
War ein Rücktritt bei dir eigentlich vorher noch nie ein Thema?
Im Jahr 2013 dachte ich einmal, dass ich in zwei Jahren aufhören werde und die WM in Ostrava wohl die letzte sein werde. Ich merkte aber schnell, dass das nur ein loser Gedanke war und ich mich nie ernsthaft mit dem Rücktritt beschäftigt habe. Bis in diesem Jahr war ich also weit von einem Rücktritt entfernt.
Im Schweizer Unihockey hast du alles gewonnen, was es zu gewinnen gibt. Siebenmal Meister, dreimal Cupsieger, dazu U19-Weltmeisterin und fünf Medaillen von einer A-WM. Aber du hast nie im Ausland gespielt. Warum nicht?
Wenn ich auf meine Karriere zurückblicke, ist dies das Einzige, was ich vielleicht anders machen würde. Bereuen tue ich es nicht, aber vielleicht wäre es eine spannende Erfahrung gewesen.
Hattest du nie ein Angebot aus der SSL?
Vor sieben Jahren gab es loses Interesse von KAIS Mora, dem damaligen Klub von Silvana Nötzli. Beruflich wären die Voraussetzungen für ein Auslandaufenthalt da gewesen. Aber ich ging dann doch nicht, weil ich mich mit der Schweiz sehr verbunden fühle.
Ich muss korrigieren: du bist vor allem mit dem Bündnerland sehr verbunden. Die Wizards bemühten sich mehrere Male um dich.
(lacht) Ja das stimmt. Ich bin eine sehr heimatverbundene Person. Ein Wechsel innerhalb der Liga kam für mich nie in Frage, obwohl die Wizards und die Jets Jahr für Jahr anklopften und einfach nicht lockerliessen. Natürlich schmeichelte mir das Bemühen um mich, aber in Chur war einfach immer glücklich und hatte alles, was ich brauchte.
Jetzt folgt ein neuer Lebensabschnitt. Was hast du für Pläne?
Mit der momentanen Situation ist es schwierig etwas zu planen. Ich wollte im Herbst nach Südafrika in die Ferien, aus dem wird wohl leider nichts. Sobald wieder möglich, werde ich aber sicher viel reisen. Ich liebe Weihnachten, nun habe ich mehr Zeit, um die verschiedenen Weihnachtsmärkte zu besuchen und die für mich schönste Zeit des Jahres richtig zu geniessen. Sonst waren wir immer mitten in der Saison oder an einer WM.
Wie sieht es mit sportlichen Betätigungen aus?
Ich freue mich, wieder vermehrt Wintersportarten ausüben zu können. Langlaufen kam bei mir in den letzten Jahren etwas zu kurz.
Und Unihockey? Kannst du dich stillhalten, ohne zum Stock zu greifen?
Momentan gehe ich fünf Tage in der Woche joggen, das geht ganz gut ohne Stock. Zuerst möchte ich einmal etwas Abstand vom Unihockey gewinnen, deshalb werde ich vorerst auch nicht in einer unteren Liga spielen. Aber vielleicht gründe ich später einmal mit ehemaligen Weggefährtinnen ein eigenes Team.
Könnte ein Traineramt etwas für dich sein?
Es gibt viele Leute, die mehr von Taktik verstehen - ganz ehrlich. (lacht) Aber vielleicht bei einem Juiorinnen- oder U-Team meine Erfahrung weitergeben, wieso nicht? In irgendeiner Form werde ich dem Unihockey in Zukunft sicher verbunden bleiben - dafür liebe ich diesen Sport zu sehr.
Zum ersten Teil des Interviews geht's hier.
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Ulber bestritt für die Schweiz über 100 Länderspiele, gewann dreimal Bronze und zweimal Silber. (Bild: Erwin Keller)