22.
06.
2011
NLA Männer | Autor: Voneschen Reto

Berger: „Ich will den schlafenden Riesen wecken“

Thomas Berger ist nach neun Jahren in Bern zurück in Graubünden. Erstmals erzählt der neunfache Schweizermeister warum er bei Wiler-Ersigen freigestellt wurde und wie er danach zu Chur kam. Hier Teil 1 des Interviews.
Berger: „Ich will den schlafenden Riesen wecken“

Willkommen zurück, Thomas Berger. Was waren die Gründe für die Rückkehr?
Thomas Berger: Zu aller erst natürlich, dass ich keinen Job mehr hatte. Ich wollte auch weiterhin ein SML-Team coachen. Mit den Churer Sportchefs stand ich alle die Jahre in Kontakt. Reto Weber war es auch, welcher mich als Erster nach der Freistellung bei Wiler-Ersigen kontaktierte. Chur hat ein enormes Potenzial, welches noch nicht ausgeschöpft wurde. Ich möchte diesen schlafenden Riesen nun wecken.

Sie waren als Trainer damals noch bei Malans Ende der 90er Jahre DIE Reizfigur in Chur, unter anderem weil sie als Erster Rot-Weiss Chur als Meister ablösten. Spüren sie das noch?
Nein, überhaupt nicht. Viele damalige Akteure sind ja nicht mehr dabei und im jetzigen Vorstand sind - bis auf Reto Weber - alles frische Leute. Auch Urgestein Thomas Gilardi beispielsweise war ein Befürworter meines Engagements. Das hat den Start sehr erleichtert.

Bislang konnte mit Andrin Putzi nur ein Zuzug, bei vier Abgängen präsentiert werden. Wie beurteilen sie die Kadersituation?
Natürlich ist das nicht optimal, aber ich war immer informiert, wie die Situation aussieht. Wir haben alles probiert, um gute Spieler nach Chur zu holen. Doch es hat sich gezeigt, dass ein Wechsel nach Chur derzeit gar nicht verlockend ist. Die Abgänge von Jan Binggeli und Andri Adank sind bedauerlich, aber auch verständlich.

Wie sieht es bei den Ausländern aus?
Kari Koskelainen und Jani Helenius werden bleiben. Bei beiden sehe ich Steigerungspotenzial. Jussi Kosola geht nach Hause, da seine Freundin gesundheitliche Probleme bekam. Der Verein arbeitet mit Hochdruck daran, eine Fremd-Finanzierung für einen allfälligen dritten Ausländer zu erarbeiten.

Sie gelten als Verfechter der Manndeckung. Werden sie das auch in Chur spielen lassen?
Bis jetzt habe ich mich noch nicht festgelegt, da muss ich das Spielermaterial noch ein wenig besser kennen lernen. Aber grundsätzlich ist es so, dass es ein mannorientiertes Forechecking ist. In der eigenen Zone habe ich schon seit Langem eine Raumdeckung spielen lassen. Weltmeister Finnland hat ja kürzlich gezeigt, dass dieses System sehr erfolgreich sein kann. Wichtig ist Flexibilität. Mich persönlich hat es natürlich aber auch ein wenig gefreut, dass Finnland auf das in der Schweiz als „veraltet" geltende Forechecking zurückgegriffen hat.

Sie wohnen wieder in Jenins, wo sie aufgewachsen sind, also quasi mitten im „Alligatorland". Welche Gefühle kommen da auf? Haben sie noch Kontakt mit Leuten aus dem Malanser Umfeld?
Grundsätzlich wohne ich einfach gerne in Jenins, die Wohnlage ist nur schwer zu toppen. Das haben ja sogar Vorstandsmitglieder von Chur Unihockey gemerkt (lacht). Da ist es mir eigentlich egal, wo ich genau wohne. Schwieriger war es, mich von Bern zu lösen. Vergangene Woche habe ich definitiv gezügelt, nun spüre ich, dass ich langsam auch mental in Graubünden wieder ankomme. Zu Malans habe ich praktisch keinen Kontakt mehr, nur noch zu wenigen einzelnen Spielern. Das Thema „Alligator" ist abgeschlossen. Ich wurde nie angefragt, also muss auch kein Interesse an meiner Person vorliegen.

Ihre Freistellung während der letzten Saison bei Wiler-Ersigen gab zu reden. Bislang redete aber vor allem nur der alte Verein. Erzählen sie doch bitte, wie das ganze aus ihrer Sicht ablief.
Mitte Dezember hatte ich mit Marcel Siegenthaler, dem Sportchef von Wiler-Ersigen, ein Gespräch über die Zukunft. Es gab drei Varianten: a) Nationaltrainer werden und den Nachwuchs bei Wiler-Ersigen betreuen, b) weiter machen und meine Funktionen ausbauen oder c) ganz Aufhören. Zum ersten sagte ich kategorisch Nein und das dritte war eigentlich auch kein Thema. So ging ich aus dem Gespräch, dass ich auch nächste Saison Wiler-Ersigen trainieren werde. Einen Monat später erhielt ich eine E-Mail, in der mir Siegenthaler mitteilte, dass ich nicht mehr Trainer von Wiler sein werde. Die Begründung: Einige wichtige Spieler wollten nicht mehr länger mit mir zusammen arbeiten.

Was ist dann bis zur Freistellung passiert?
Verständlicherweise war ich danach natürlich nicht gerade übermotiviert. Bis zur Freistellung gab es aber nur drei Trainings unter meiner Leitung, da ich noch mit der U19-Nationalmannschaft unterwegs war. Alle drei habe ich vorbereitet, überliess die Ausführung aber mehrheitlich dem Assistenten. Mir wurde dann nach diesen drei Trainings vorgeworfen, dass ich geschmollt hätte... Im Nachhinein ärgere ich mich, dass ich nicht direkt nach dem Mail eine Freistellung verlangt habe. Wenn Verein und Spieler dir das Vertrauen entziehen, ist eine Zusammenarbeit nicht mehr möglich.

Die Enttäuschung ist spürbar
Ja, ich bin sehr enttäuscht, gerade von einzelnen Leuten in der Vereinsführung und natürlich den Führungsspielern. Ich habe viel für den Verein gearbeitet, viel mehr als vertraglich abgemacht war und dann werde ich so stillos abgesetzt. Wie ich vermute, ist der Entschluss meinen Vertrag nicht zu verlängern, bereits vor der Saison gereift. Ich war wohl der einzige, der das nicht gewusst hatte. Dass sich Spieler hinter meinem Rücken beim Sportchef beklagt haben, wusste ich. Da Siegenthaler nächste Saison nicht mehr Sportchef ist, wollte er wohl seinem Nachfolger diese Reklamationen ersparen.

Sie wurden zwischenzeitlich von Marcel Siegenthaler als Nationaltrainer portiert...
Auch so eine Geschichte. Eigentlich ging es für ihn wahrscheinlich darum, mich auf eine „saubere Weise" zu entsorgen. Wie jetzt bekannt wurde, hat er schon länger einen Nachfolger für mich gesucht. Ich habe aber schon seit Jahren gesagt, dass mich der Nationaltrainer-Posten nicht interessiert, so ging sein Plan nicht auf.


Anm.d.Red.: Das Interview wurde vor der Meldung vom 21. Juni von Chur Unihockey über die Kadersituation geführt

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