06.
2011
„Ich will den schlafenden Riesen wecken“ (Teil 2)
Thomas Berger, sie haben in den letzten acht Jahren sechs Mal den Titel gewonnen. Wo nehmen sie die Motivation her, mit einem jungen Team wie Chur wieder neu anzufangen?
Thomas Berger: Für mich zählen nicht in erster Linie Titel, sondern mehr wie sich eine Mannschaft und die einzelnen Spieler entwickelt, um Grosses zu erreichen. Eine Gruppe dorthin zu bringen, dass sie das Optimum aus sich herausholt. Das ist Antrieb genug. Die Aufgabe bei Chur ist eine sehr spannende Herausforderung.
Sie haben die Anfänge der Unihockey-Szene miterlebt. Wie beurteilen sie die aktuelle Entwicklung in der Schweiz?
Berger: Ende der 90er-Jahre, anfangs 2000 gab es einen gewaltigen Schub, da spürte man richtig, wie es vorwärts ging. Seit fünf, sechs Jahren stagniert das Ganze aber. Das sieht man an den Zuschauerzahlen, aber auch am Spiel selber. Unser Produkt wird irgendwie nicht mehr besser. Was zum Teil in der SML - unserer Spitze - gespielt wird, ist nicht publikumswirksam. Kein Wunder hat es da nicht mehr 300 Zuschauer. Wenn wir unser Kernprodukt auf den 20 mal 40 Metern nicht verbessern, wird auch das Drumherum nicht besser. Wenn wir besser werden wollen, dann müssen wir mehr und besser trainieren. Nur dazu fehlen uns neben der Infrastruktur auch qualifizierte Trainer, vor allem auf den U-Stufen und bei den Junioren.
Ist es denn nicht auch ein wenig so, dass das Produkt auch teilweise schlecht verkauft wird? Der Komfort in den Turnhallen ist ja nicht gerade das Gelbe vom Ei.
Berger: Die Rahmenbedingungen sind leider gegeben, darum können derzeit gar nicht mehr erwarten. Hier wird sich die Situation mittelfristig auch nicht verbessern und wir haben wenig oder gar keinen Einfluss darauf. Ich bleibe dabei, zuerst muss sich das Kernprodukt verbessern, erst dann können wir den Rest verbessern.
Mehr trainieren, hiesse, dass die Spieler weniger arbeiten und dafür vom Verein entschädigt werden müssten.
Berger: Das ist genau der Teufelskreis, dafür fehlt dann wieder das Geld. Eine Mannschaft mit Spielern im Halbprofistatus bräuchte ein Budgeterhöhung von etwa 800'000 Franken. Ein Quantensprung. Wir sind an einem schwierigen Punkt. Die Swiss Mobiliar Games sind ein Beispiel dafür. Mit einem grossen Aufwand wurden die Spiele inszeniert, doch der Zuschaueraufmarsch hielt sich in Grenzen. So lohnt sich der Aufwand nicht.
Apropos Geld. Sie sind auch Geschäftsführer der Frauen-Weltmeisterschaft im Dezember in St. Gallen. Kürzlich wurde bekannt, dass der Vermarkter Sport Mind sein Mandat niederlegte, da er zu wenige Sponsoren fand. Ist die WM nun in Gefahr?
Berger: Nein, überhaupt nicht. Die genauen Gründe für den Rückzug sind mir auch noch nicht bekannt. die Trennung hat sich aber abgezeichnet. Von Sport Mind wurden mehrfach und eindringlich Resultate in der Sponsoring-Akquisition gefordert. Diese konnten nicht geliefert werden. Es sieht aber gut aus, dass wir eine gute Nachfolgelösung haben. Zwei von fünf Hauptsponsoren haben wir. Ich bin zuversichtlich, dass wir bis im Dezember mehr an Bord haben. Vielleicht sind es dann halt nicht fünf grosse, sondern mehrere mittelgrosse Sponsoren. Es braucht jetzt halt jemanden, der Türklinken putzt.
Sprich ein neuer Vermarkter wird eingesetzt?
Berger: Ja, entsprechende Anfragen laufen und eine Lösung sollte bald möglichst bereit sein.
Wie war es denn möglich, dass so lange bei der Sport Mind zugewartet wurde?
Berger: Der Zentralvorstand hat sehr früh schon Druck aufgesetzt. Zuerst noch freundlich, danach immer bestimmter. Am Schluss dann nur noch mit eingeschriebenen Briefen. Aber man darf nicht vergessen, wir haben mit dem gleichen Verantwortlichen an der WM 2004 sehr gute Erfahrungen gemacht. Da hatten wir ein Sponsoring, das sich gewaschen hatte, so etwas gab es noch gar nie in der Geschichte von swiss unihockey. Im letzten Jahr ist er dann mit seiner neuen Firma wieder an uns herangetreten.
Ist Unihockey denn so schwer vermarktbar?
Berger: Einfach ist es nicht. Vor allem die fehlende TV-Präsenz ist nachteilig. Die erste Frage von potenziellen Sponsoren ist immer „Wie gross ist die Fernseh-Präsenz?". Wir haben so keine Verhandlungsposition. SF zeigt uns jeweils die Liste mit den Zuschauerzahlen und fragt uns dann, wenn schon „niemand" die Spiele in der Halle sehen wolle, warum sollten sie dann im TV gezeigt werden? Bei SSF hätten wir den Kanal, aber müssen alles selber bezahlen. Das ist sehr kostspielig.
Bekommt man da als WM-Geschäftsführer feuchte Augen, wenn man die Verhältnisse in Finnland anschaut, wo das staatliche Fernsehen die Produktion der Spiele selber übernahm?
Berger: Finnland hat einen eigenen staatlichen Sportkanal, genau gleich wie Tschechien. Das sind natürlich ganz andere Voraussetzungen, als bei uns. An der Frauen-Weltmeisterschaft ist es vorgesehen, dass SF am Finalwochenende die Spiele selber produziert und einen Final mit Schweizerbeteiligung vielleicht sogar live bringt.
Wie war es denn möglich, dass beispielsweise die Eishockey-WM der Frauen eine so hohe Medienpräsenz hatte?
Berger: Meines Wissens produzierte der Internationale Eishockey-Verband die Aufnahmen selber und die Fernsehstationen können diese einkaufen. Das ist natürlich für die TV-Anstalt das praktischste. Nur solange das Geld nicht da ist, um die Spiele selber zu produzieren, ist das bei uns natürlich Wunschdenken.